Männer wollen nicht mehr auf die Rolle als Familienernährer reduziert werden, sondern aktiv die Familienarbeit mitgestalten. Das zeigt die neue, von Hays unterstützte Forsa-Trendstudie, die das Väternetzwerk conpadres veröffentlicht hat. Wir sprachen mit Volker Baisch, Gründer und Geschäftsführer des Väternetzwerks, zu den Ergebnisse und was diese für Unternehmen bedeuten.

Am vergangenen Freitag, 19.11. hat das Väternetzwerk conpadres die aktuelle Studie zur „Zukunft Vereinbarkeit“ veröffentlicht. Können Sie uns die zentralen Ergebnisse kurz zusammenfassen?

Eines der interessantesten Ergebnisse war sicherlich, dass 93 Prozent der befragten zukünftigen Väter planen in Elternzeit zu gehen. Wir beobachten schon seit Jahren, dass sich immer mehr Väter eine längere Elternzeit wünschen. Dass jetzt aber fast 100 Prozent der werdenden Väter Elternzeit nehmen wollen und die große Mehrheit sogar mehr als die klassischen zwei Partnerschaftsmonate, hat selbst uns überrascht. Ein weiteres Ergebnis der Trendstudie ist, dass zukünftige Väter sich die Kindererziehung gleichberechtigt mit ihren Partnerinnen oder Partnern teilen wollen. Wir sehen deutlich, dass die künftigen Väter nicht nur flexibler, sondern auch weniger Stunden arbeiten wollen. Das ‘New Normal’ in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes wird die 4-Tage-Woche, um Familie und Beruf im Gleichgewicht zu halten. Die Erkenntnisse aus der Studie setzen damit nicht nur in der Wirtschaft ein deutliches Zeichen, sondern sind auch richtungsweisend für die zukünftige Regierung.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Arbeitgeberseite? Wo müssen Unternehmen nachbessern?

Aus unserer zehnjährigen Erfahrung mit Unternehmen halten wir es für das Wichtigste, dass sich die arbeitgebenden Organisationen zuerst einmal mit der Zielgruppe auseinandersetzen sollten. Wie groß ist die Gruppe der potentiellen Väter, wie viele Väter und Führungskräfte haben in der Vergangenheit Elternzeit genommen? Werden die Partnerschaftsmonate wahrgenommen oder das Elterngeld Plus genutzt? Wissen die Väter um die Kinderkrankentage? Spannend ist auch die Frage, weshalb Väter nur zwei Monate nehmen, obwohl mehr möglich ist und viele dies auch wollen. Die sogenannte Vorfeldanalyse, die wir auch mit allen Unternehmen durchführen, das Mitglied im Väternetzwerk conpadres werden möchte, erleichtert es dann in der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Maßnahmen, viel zielgerichteter vorzugehen und vor allem klare Kennzahlen zu generieren, die sich regelmäßig überprüfen lassen. Damit sollten die Unternehmen beginnen und natürlich sollte das Top-Management von dem Thema und der Vorgehensweise überzeugt sein. Wir sehen in der Studie vor allem auch den Wunsch, dass arbeitgebende Unternehmen insgesamt mehr Verständnis für individuelle Bedürfnisse aufbringen und mehr auf ihre Mitarbeitenden zugehen sollte.

Die Umfrage hat den Wunsch der (künftigen) Väter nach einer längeren Elternzeit verdeutlicht. Inwiefern haben sich hier die Bedürfnisse seitens der männlichen Arbeitnehmer in den letzten Jahren verändert?

Schon in unserer letzten großen Studie in Kooperation mit der Commerzbank haben wir festgestellt, dass der Wunsch nach längerer Elternzeit wesentlich höher ist. 70 Prozent der Väter, die zwei Monate in Elternzeit waren, wünschten sich eigentlich eine längere Elternzeit als sie selbst beantragt hatten. Oftmals ist hier leider der finanzielle Aspekt der entscheidende. Da Männer oftmals immer noch die „Mehrverdiener“ in der Familie sind, können es sich viele Paare schlicht nicht leisten eine andere Elternzeitaufteilung zu wählen. Corona hat vielen Vätern aber noch einmal einen viel tieferen Einblick in den Familienalltag gewährt, und die Väter haben trotz Corona-Stress die Zeit mit den Kindern auch sehr genossen. Die Möglichkeiten flexibler zu arbeiten haben in dieser Zeit auch neue Lösungen für Paare aufgezeigt, die sie vorher nicht hatten und die Freiheiten für die Aufteilung der Care- und Betreuungsarbeit bieten. Damit ist aber auch das Thema Mental Load zu Hause „eingezogen“, also die unsichtbaren Care-Arbeiten, wie Arzttermine, das Besorgen von Geburtstagsgeschenken oder die Mitorganisation einer Schulaufführung, die in der Vergangenheit eher von Müttern geplant und auch oft ausgeführt wurden. Auch diese Veränderung führt gerade dazu, dass dies einerseits die Chance bietet, die berufliche Selbstverwirklichung (der Frauen) mit einem erfüllten Familienleben (der Väter) zu kombinieren. Das setzt aber anderseits voraus, dass Väter und Mütter gute Konzepte kennen, wie man den Mental Load gerecht teilt. Viele Expertinnen und Experten – auch aus der Wissenschaft - sprechen deshalb auch von einer bevorstehenden Transformation (ähnlich wie in der Bildung und der Klimapolitik) der Geschlechterrollen, die jetzt gut begleitet werden sollte.

Wie sieht aktuell die Realität in deutschen Unternehmen hinsichtlich der Auszeit von Vätern aus? Wie bewerten die Befragten die Familienfreundlichkeit ihrer Unternehmen allgemein? Stichwort „War for Talents“: Wie relevant sind familienfreundliche und flexible Arbeitsmodelle für Unternehmen, um sich in Zeiten des Fachkräftemangels von der Konkurrenz abzuheben?

Die Mehrheit (59 Prozent) der von uns befragten Männer würde bei fehlenden Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf das Unternehmen (eher) wechseln. Sie liegen hier mit den Frauen gleichauf. Knapp ein Viertel der Befragten, Männer wie Frauen, würde definitiv wechseln und 37 Prozent würden es ernsthaft in Erwägung ziehen. 2016 hätten laut einer Studie von A.T. Kearney lediglich 21 Prozent der Männer 

aufgrund fehlender familienbewusster Angebote das Unternehmen gewechselt. Die Zahl der Wechselwilligen hat sich somit mehr als verdoppelt, was ein Weckruf für die Unternehmen sein sollte. Das Thema Familienbewusstsein ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist nicht mehr ein reines Frauenthema. Männer wollen nicht mehr auf ihre Rolle als Familienernährer reduziert werden, sondern sich aktiv an der Familienarbeit beteiligen und mehr Zeit für ihre Kinder haben. Auch wir haben in unseren Väternetzwerken den konstanten Wandel und diesen Ruck, der während der Corona-Pandemie durch die Gesellschaft ging, deutlich gespürt. Wenn Unternehmen sich jetzt auf den Weg machen und sich auch der Zielgruppe der (werdenden) Väter zuwenden, verschaffen sie sich einen deutlichen Vorsprung, denn wenn Unternehmen Frauen in Führung fördern möchten, sollten sie parallel die Väter unterstützen, mehr Zeit für die Familie zu haben. Es geht nur gemeinsam.

Inwiefern sehen Sie die Führungskräfte in der Pflicht, um beispielsweise als Vorbild in Sachen Elternzeit voranzugehen?

Wir sehen vor allem einen großen Bedarf an Vereinbarkeitsvorbildern, besonders dort, wo zukünftige Eltern erkennen können, dass Elternzeit kein Karrierehindernis bedeutet. Oftmals ist die Angst, nicht mehr an den bisherigen Arbeitsplatz zurückkommen zu können, sehr groß. Daher sind gerade auch Führungskräfte gefragt, proaktiv auf die werdenden Väter zuzugehen und ihnen zu signalisieren, dass sie keine Karrierenachteile befürchten müssen. Ideal wäre es als Führungskraft mit einem guten Beispiel voranzugehen und auch eigene Eindrücke und Learnings ihrer Elternzeit zu teilen. Es sollte immer selbstverständlicher werden, dass Elternzeit (aber auch die Pflege von Angehörigen) ein wichtiger und wertvoller Teil des Karrierewegs ist. Offen diskutiert werden sollten unserer Meinung nach auch, inwiefern Mitarbeitende und auch Unternehmen von der Elternzeit (Stichwort Erlernen von Schlüsselkompetenzen) profitieren. Ich persönlich kann aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass ich viel von dem was ich in der Elternzeit über Organisation, Stressmanagement, Resilienz und Aushandlungskompetenz gelernt habe für meinen beruflichen Alltag als Führungskraft sehr gut einsetzen kann. Am wirksamsten sind hier tatsächlich glaubhafte Role-Models aus dem Top-Management. Mit unserer aktuellen Role-Model-Kampagne vom Väternetzwerk conpadres wollen wir hierzu vorangehen und zeigen, wie wichtig die Verbindung von Business und Familie ist.

Wie stellen sich Eltern künftig die ideale Verteilung von Arbeits- und Familienzeit vor? Inwieweit unterschieden sich die Vorstellungen der weiblichen und männlichen Befragten?

Der Trend geht deutlich in Richtung Reduzierung der Stundenzahl, vor allem Vollzeit wird in den kommenden Generationen nicht mehr als 40-Stunden-Woche wahrgenommen. 32 Stunden ist das neue gewünschte Vollzeitmodell der werdenden Paare. Prägnant ist auch, dass Frauen tendenziell mehr arbeiten wollen und Männer im Gegensatz gerne weniger arbeiten würden. Sowohl die befragten Männer (38 Prozent) als auch die befragten Frauen (41 Prozent) sind der Meinung, dass eine wöchentliche Arbeitszeit zwischen 32 und 40 Stunden für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ideal sei. 34 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer halten dabei sogar 24 bis 32 Stunden für sinnvoll. Wir sehen also, dass Arbeit und Karriere keineswegs mehr an erster Stelle stehen. Es geht in Zukunft um mehr als nur eine gesunde Work-Life-Balance. Es geht darum, die eigene Lebenszeit zu gestalten und sich nicht mehr nur darauf zu verlagern, Karriere zu machen oder eine Familie zu gründen. Auch die mentale Gesundheit steht hier mehr denn je im Vordergrund.

Über Volker Baisch und das Väternetzwerk conpadres

Das Väternetzwerk conpadres vernetzt Unternehmen und deren Väter und ermutigt diese von und miteinander zu lernen. Unsere Mitgliedsunternehmen wollen gemeinsam mit uns die Arbeitswelt familienfreundlicher, diverser und sozial nachhaltiger gestalten. In den letzten 10 Jahren sind mehr als 30 Unternehmen, wie SAP, Otto, Sanofi, Hays, ERGO, Vodafone oder die Stadt Köln, Teil unseres deutschlandweiten Netzwerks geworden. Der Leitgedanke dabei: Gleichberechtigung gelingt nur mit aktiven Vätern, denen wir mit attraktiven Angeboten und unserem unternehmensübergreifenden Netzwerk Austausch helfen, ihre Vaterrolle mit dem Job glaubhaft zu vereinbaren. Indem wir explizit Männer ermutigen und begleiten, unterstützen wir auch die Mütter – und fördern damit Chancengleichheit und eine partnerschaftliche Unternehmenskultur. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass sich die Mitgliedsunternehmen als attraktive, fürsorgliche Organisationen positionieren, die Chancengerechtigkeit glaubhaft umsetzen.

Mehr Informationen zur Studie unter: www.conpadres.de

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