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Die Debatte um die Arbeitswelt in Deutschland mutet gelegentlich seltsam an: Während die digitalen Errungenschaften ihren Siegeszug fortsetzen und Arbeitnehmer und Arbeitgeber die neuen Möglichkeiten und Freiheiten klug einzusetzen wissen, hat der Alarmismus um die Zukunft der Arbeit Hochkonjunktur.

Landesweit werden Kongresse zur „Arbeit 4.0“ abgehalten. Es werden Weiß- und Grünbücher erstellt und digitale Strategien erarbeitet. Was Caterer und Veranstalter freut, täuscht darüber hinweg, dass unsere Arbeitswelt schon längst digital ist.

Der kluge Umgang mit der Digitalisierung in der Geschäftswelt hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland einen Rekord nach dem anderen vermeldet. Deutschland hat die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, die Beschäftigungsquoten von Frauen und älteren Beschäftigten sind auf einem Allzeithoch, die Löhne sind seit 2005 um 23 Prozent gestiegen und insgesamt 43 Millionen Menschen sind in Deutschland erwerbstätig!

Nehmen wir die Gesamtbevölkerung von 83 Millionen, von denen etwa 21 Mio. Rentner und 14 Mio. Jugendliche sind, und ziehen Studenten, Kranke und Pflegende ab, dann zeigt sich: Das Erwerbspersonenpotential ist fast ausgeschöpft. In vielen Teilen von Deutschland herrscht Vollbeschäftigung.

Jobkiller: Digitalisierung?

Und trotzdem greift die Mär vom „Jobkiller Digitalisierung“ um sich. Fast im Wochentakt werden Studien vorgestellt, die der Panik Vorschub leisten: Roboter nehmen uns die Arbeit weg! Die Gewerkschaften sind alarmiert! Die Politik hat nur das technisch Machbare vor Augen und vergisst die Interessen der Arbeitnehmer!

Man überbietet sich mit Horrorszenarien – mal sind 4 Millionen Jobs in Gefahr, mal 5 Millionen, mal wird gar das Ende des Industriestandortes Deutschland verkündet. Die Frey und Osborne Studie mit ihren düsteren Warnungen wurde über 800-mal zitiert. Der Chef-Ökonom der ING-DiBa mutmaßt nach ihrer Lektüre, dass in Deutschland sogar 18 von 31 Mio. Arbeitsplätzen bedroht seien.

Arbeit 4.0 für eine Politik 4.0?

Die Aufregungen wirken auch im Politischen fort. Derzeit gibt es kaum ein politisches Programm, das ohne das Schlagwort „Arbeit 4.0“ auskommt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen bleiben die alten oder werden bisweilen sogar eingeschränkt:

Beispiel 1: Arbeitszeitregulierung

Sie ist mit dem Mindestlohngesetz sogar noch verschärft worden. Jeder Tag, den ein Beschäftigter, und wenn es der Geschäftsführer selbst ist, länger als 8 Stunden arbeitet, muss penibel dokumentiert und ggf. ausgeglichen werden. Sonst drohen Geldstrafen. Wie viele aber arbeiten heute schon am Laptop oder am Smartphone und sind nicht an Büro oder Stadt gebunden? Sie passen ihre Arbeit der Familie und den Freizeitbedürfnissen an, unabhängig von Wochentagen. Und unabhängig von der Gesetzesrealität.

Beispiel 2: Ruhezeiten

Bereitschaftszeiten sind Arbeitszeit, und Rufbereitschaft ist es dann, wenn das Handy klingelt. Doch wie zählt der Blick in die E-Mails nach Feierabend? Oder wenn der Kollege aus der Nachtschicht eine Frage per WhatsApp schickt? Nach derzeitigem Recht werden die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen durchbrochen. Seien wir ehrlich: Die vom Gesetzgeber gut gemeinte Regulierung wird von vielen Wissensarbeitern und Führungskräften nur auf dem Papier eingehalten. Im Ergebnis entstehen Beschäftigten, Arbeitgebern und Auftraggebern Nachteile. Diese Regeln sind nicht mehr zeitgemäß. Statt sie anzupassen, wird inzwischen über eine Anti-Stress-Verordnung nachgedacht, und die bereits gelebte Flexibilität wird weiter eingeschränkt.

Beispiel 3: Neue Selbstständigkeit

Es wird diskutiert, die strikten Regeln der abhängig Beschäftigten auch auf (Solo )Selbstständige auszudehnen. Das Gesetzgebungsverfahren zur Einschränkung von Werkverträgen, das in seinen restriktivsten Ausprägungen noch abgewendet werden konnte, zählt dazu. Auch beim Statusfeststellungsverfahren oder bei einer allgemeinen Rentenpflicht für Selbstständige drohen neue Hürden.

Beispiel 4: Beschäftigtendatenschutz

Die Menschen tauschen ihre Daten ohne Bedenken gegen die Dienste von Google, Facebook oder WhatsApp ein. Unternehmensintern dürfen sie nicht genutzt werden. Um nicht Gefahr zu laufen, seine Beschäftigten zu überwachen, verzichtet man sogar auf den Einsatz neuer Technologien: So hat Robert Bosch einen Schrauber entwickelt, der je nach Standort der Nutzung das richtige Drehmoment (Schraubkraft) automatisch einstellt.

Eine Innovation, die besonders in sicherheitsrelevanten Produktionsschritten nützlich ist. Doch wenn der Schrauber vollständig vom System erfasst wird, dann ist es der Beschäftigte, der den Schrauber bedient, auch. Die schöne neue Technologie wird zum Fall für Juristen. Ähnliche Vorbehalte gibt es gegen ein freies WLAN in Behörden. Lieber komplizierte Kommunikationswege als solide Infrastruktur für den effizienten Austausch von Informationen und Wissen.

Arbeiten 40

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Die Domäne der Arbeit

Wie zeitgemäß sind die rigiden Arbeitszeitmodelle in Deutschland für Wissensarbeiter und Forscher? Endet die Arbeit mit dem Verlassen des Büros? Braucht erfolgreiches Arbeiten nicht den kontinuierlichen Austausch – auch außerhalb von Büro und Kernarbeitszeit? Und was ist mit der Bus- und Bahnlektüre auf dem Weg nach Hause?

Die Entkopplung von Arbeitsort und Arbeitsleistung ermöglicht heute Freiräume, die auch der Vereinbarkeit von Beruf und Privatem zugutekommen. Doch reguliert werden wir wie zu Zeiten des Industriearbeiters am Fließband.

Schutzvorschriften für Arbeitnehmer

Stellen wir uns doch der Frage, welcher Schutzvorschriften für Arbeitnehmer es ab einer bestimmten Gehaltsgrenze (bspw. der Beitragsbemessungsgrenze) überhaupt bedarf. Flexibilität wünschen sich beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer: Die Höchstüberlassung bei der Leiharbeit, Höchstarbeitszeiten, Ruhepausen, Dokumentationspflichten und Ähnliches könnten ab einer bestimmten Gehaltsgrenze obsolet werden. Wir sollten angesichts der rasanten Veränderungen solche mutigen Schritte wagen.

Haben Hierarchien ausgedient?

Auch die arbeitsmarktnahe Regulierung ist in vielem nicht mehr auf dem neuesten Stand. Rechtsgeschäfte und Informationspflichten unterliegen häufig einer Schriftformerfordernis und einem Genehmigungsverfahren. Wir leben in einer digitalen Welt, alte Hierarchien haben oft ausgedient, und die E-Mail hat den Brief für die allermeisten Geschäftskontakte längst abgelöst. Es ist an der Zeit, dass nach gängigen Standards verschlüsselte und zertifizierte E-Mails auch rechtlich dem Schriftformkriterium entsprechen. Alle anderen sollten zumindest dem Fax gleichgestellt werden. Doch die Gerichte haben zaghafte Versuche in diese Richtung strikt abgewehrt (E-Postbrief).

E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht – so der Normenkontrollrat. Der ungehinderte Datenstrom zwischen den Ämtern und simple Online-Dienste für die Bürger werden aus datenschutzrechtlichen Gründen oft abgelehnt. Leidtragende sind die Bürger (riesige Opportunitätskosten) und die Verwaltungen (Überlastung und langsame Verfahren) gleichermaßen.

Doch andere Länder machen uns vor, wie es gehen könnte. Selbstverständlich sind Schutzvorschriften für Arbeitnehmer ein wesentlicher Baustein der sozialen Marktwirtschaft für den Ausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Natürlich sind Sicherheit im Rechtsverkehr und Datenschutz wichtige Grundrechte. Dennoch – oder gerade deshalb – muss die Regulierung laufend an die Arbeitswirklichkeit angepasst werden.

Die rasanten Fortschritte der digitalen Technologien zwingen uns, neue Wege einzuschlagen. Die oben beschriebenen Beispiele zeigen, dass wir viele Herausforderungen noch nicht erfasst haben und für die Zukunft noch nicht gut aufgestellt sind: Es liegt im Trend, die Zukunft der Arbeit eher als Risiko denn als Chance zu begreifen. Doch entweder sind wir für die Start-up-Revolution gewappnet oder „die digitalen Nomaden“ ziehen an andere, sonnigere Orte.

Über die Gastautoren Thomas Köster und Dr. Pencho Kuzev

Thomas Köster ist Koordinator für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er ist zudem Mitglied des Promotionskollegs Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dr. Pencho Kuzev LL. M. ist Koordinator für Digitalisierung und Datenpolitik in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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Kommentare


  1. Anke Knopp

    Sehr geehrte Herren, sehr aufschlussreicher Beitrag. Die Rahmen sind sehr gut skizziert. Die Probleme stecken aber im Detail. Ich möchte nur einige nennen: Kaum stellen Firmen nach den neuen Vorstellungen des Arbeitens 4.0 ein, wer schreibt, er möchte #remote arbeiten – wird garantiert nicht eingestellt. Noch schlimmer: Bewerbungen werden nicht einmal beantwortet. Das gilt sowohl für Firmen, die sich gerne einen digitalen Anstrich geben wie auch für viele kleineren Firmen. // Die Arbeitsvermittlungen der BA sind den neuen Formen der Arbeit in keinem Fall gewachsen, sie vermitteln nach den Grundsätzen der Arbeit im 20. Jhd. – ebenso sehen auch deren Formulare aus, die Verwaltung der Suchenden und das Jobangebot, welches kaum qualifizierte Angebote aufweist. Die BA steht in krasser Konkurrenz zu den Job-Plattformen. // Zudem ist es ein Unterschied, ob man als festangestellter Wissensarbeiter unterwegs ist – oder als Freiberufler. Als Freiberufler leben enorm viele Wissensarbeiter am Existenzminimum, gepaart mit großer Unsicherheit, weil Aufträge nicht planbar sind. Hier besteht Ausbeute, denn der Aufwand ist vielfach größer als der Verdienst. Rentenbeiträge sind Luxus. Es gilt also die hohe Vielfalt von Arbeit und Arbeitsverhältnissen etwas schärfer noch in den Blick zu nehmen. Oder überhaupt die Diversität von Beschäftigung auszuloten. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Mir fehlt auch der Nebensatz, dass man künftig nochmal über eine andere Form der Entlohnung nachdenken muss: etwa in Form des BGE, bedingungslosen Grundeinkommens. Das kann man ideologiefrei diskutieren – und muss es auch. Vielen Dank also, ich gehe mal davon aus, dass das Thema Arbeit aktuell bleibt. VG, Anke Knopp

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  2. Thomas Köster

    Sehr geehrte Frau Knopp,

    haben Sie vielen Dank für Ihre Rückmeldungen. Um es kurz zu machen: Sie haben völlig recht, den Wandel der Arbeitswelt muss nicht nur die Politik besser annehmen, auch in so mancher Vorstandsetage muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

    Die Mahnung, die der Blog-Beitrag beinhaltet, richtet sich ebenso an Arbeitgeber. Es gibt sicher viele Nebensätze, die man noch hätte unterbringen sollen, bspw. wie die Sozialversicherungsbeiträge für Freiberufler besser ausgestaltet werden sollten, Stichwort Krankenversicherung. Von der Idee, die Entlohnung von der Arbeitsleistung zu entkoppeln, halte ich nicht viel. Es entspricht nicht meinem Werteverständnis von Arbeit.

    Diese Diskussion führt aber sehr weit und würde wahrscheinlich einen eigenen Blog rechtfertigen. Haben Sie nochmals vielen Dank für Ihr offenes Feedback!

    Herzliche Grüße
    Thomas Köster

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