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Noch immer bestimmt die alte Industriedenke unsere kulturellen und mentalen Denkmuster, auch wenn wir die Wissensarbeiter, die sich mit Gleichgesinnten vernetzen und ihr Wissen produktiv einbringen, die für ihre Themen brennen und als Nomaden immer bereit sind weiterzuziehen, zu den Treibern neuer Arbeitsformen erklärt haben. So lautete bereits vor Jahren die Vision des Zukunftsforschers Matthias Horx.

Bekanntlich sieht es im Alltag meist anders aus. Vor vier Jahren hatten wir die Wissensarbeit im deutschsprachigen Raum daher vermessen. In diesem Jahr haben wir analysiert, wie es gegenwärtig um sie bestellt ist. Für unsere Studie „Wissensarbeit im Wandel. Neue Spannungs- und Handlungsfelder“ haben wir insgesamt 1.215 Fach- und Führungskräfte befragt.

Wissensarbeiter sind zu häufig mit Routine beschäftigt

Leider hat sich in einigen Punkten nichts getan: Nach wie vor sind Wissensarbeiter zu häufig mit Routinetätigkeiten beschäftigt. Ein gutes Drittel ihrer Arbeitszeit machen sie im Durchschnitt aus – das ist mehr Zeit, als für die Lösung komplexer Probleme aufgewendet wird. Ein Armutszeugnis, das zeigt, wie selten das Potenzial von Wissensarbeitern fließen kann. Die Bürokratie und das buchstabengetreue Einhalten von Prozessen fordern ihren Tribut. Oft ist die ISO-Norm wichtiger als das Betreten von Neuland. Ein kleiner Trost: Immerhin sagt etwas mehr als die Hälfte der befragten Wissensarbeiter, dass sie Regeln nicht beachten würde, wenn es die Situation erfordere.

Digitalisierung: der Retter der Wissensarbeit?

Offeriert uns die Digitalisierung eine Lösung aus diesem Dilemma? In diesem Punkt sind sich die Führungskräfte und die Wissensarbeiter uneins. Die befragten Manager gehen mehrheitlich davon aus, dass sich die Wissensarbeit durch die technischen Entwicklungen signifikant verändern oder ganz obsolet werden wird.

Natürlich sehen dies die Wissensarbeiter anders. Knapp drei Viertel sehen ihre Tätigkeit von der Automatisierungswelle und künstlicher Intelligenz vollkommen oder eher unberührt an. Überraschend, und welcher der beiden Haltungen ich zustimme, kann ich kaum sagen. Wahrscheinlich werden wir beides erleben.

Vielleicht sollten wir die Zukunft von Wissensarbeit auch nicht nur im digitalen Kontext beleuchten. Seit einigen Jahren diskutieren wir, ob es künftig nicht mehr um Wissens-, sondern um Kreativarbeit geht. Bei Letzterer spielen mentale Kompetenzen, wie der Umgang mit Unsicherheit, das Eintauchen in neue Themenwelten oder die Selbststeuerung, die Schlüssel¬rollen.

Fachliche Expertise, also das harte Wissen, verliert dagegen den Boden unter den Füßen, weil sie in dieser rasenden Welt so schnell verfällt und künstliche Intelligenz hier schlicht mehr Speicherkompetenz und Rechenleistung zu bieten hat.

Wissensarbeiter_Weiterbildung

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Wissensarbeiter setzen auf eigene Fortbildung

Dies könnte einer der Gründe sein, weshalb immer mehr Wissensarbeiter ihre Kompetenzen in Eigenregie weiterentwickeln und sich nicht auf ihren Arbeitgeber verlassen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die empirischen Ergebnisse.

Zwei von drei Wissensarbeitern sehen sich selbst als dafür verantwortlich an, in ihre eigenen Kompetenzen zu investieren – und die Führungskräfte bestätigen dies in gleichem Maße. Kein Wunder, dass die Hälfte der befragten Wissensarbeiter deshalb auf eigene Kosten in ihre Weiterbildung investiert.

Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern regelmäßig ermöglichen, sich weiterzubilden, stärkt das die Bindekraft. Dies gilt aber auch umgekehrt. Je mehr Wissensarbeiter ihre Qualifizierung in die eigene Hand nehmen (müssen), umso mehr sinkt ihre Loyalität.

Von daher ist diese Entwicklung alles andere als glücklich für Unternehmen und steht im Kontrast dazu, dass die breite Mehrheit der befragten Manager den Wissensarbeitern eine herausragende Rolle zuspricht, die es entsprechend zu fördern gelte.

Kompetenzen: mental und sozial zum Ziel

Mentale (und soziale) Kompetenzen bilden den Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft, davon bin ich überzeugt. Es könnte daher helfen, wenn Unternehmen in ihren Weiterbildungsangeboten darauf ein Augenmerk legen würden und nicht nur in die Vermittlung harten Wissens investieren. Das hilft allen Beteiligten.

Weitere Informationen finden Sie hier: Hays-Wissensarbeiterstudie 2017.

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