„Wir rufen die neue Bundesregierung auf, die Transformation zur Klimaneutralität zum zentralen Wirtschaftsprojekt der kommenden Legislaturperiode zu machen.“ Nicht Greenpeace, nicht Fridays for Future, sondern 69 deutsche Großkonzerne haben Anfang Oktober diesen eindringlichen Appell an die künftige rot-grün-gelbe Regierungskoalition gerichtet. Die Wirtschaft drückt aufs Tempo und fordert von der Politik klare – und strengere – Rahmenbedingungen und Auflagen in Sachen Nachhaltigkeit. Denn es zeigt sich immer deutlicher, wie eng Themen wie Klima- und Umweltschutz ebenso wie Bildung, Gesundheit oder Chancengerechtigkeit mit der positiven Entwicklung von Unternehmen verknüpft sind. Angesichts der Tragweite der sozialen und ökologischen Herausforderungen, vor denen die Welt steht, ist die Frage daher nicht mehr, ob Unternehmen gesellschaftliche und ökologische Verantwortung übernehmen sollten – sondern in welcher Form sie ihre Corporate Responsibility (CR) umsetzen.

Erwartungen an Unternehmen ändern sich

In der Vergangenheit bestand das soziale Engagement vieler Unternehmen oft ausschließlich aus klassischen Spenden- und Sponsoring-Aktivitäten, die meist nach dem Gießkannenprinzip, losgelöst vom Kerngeschäft und ohne Beteiligung der Beschäftigten erfolgten. Die Beschränkung auf diese Form des gesellschaftlichen Engagements wird zunehmend hinterfragt. Aus guten Gründen: Zum einen hat sich die Erwartungshaltung verändert. Viele gemeinnützige Einrichtungen, Vereine oder Gemeinden wünschen sich nicht mehr nur rein finanzielle Zuwendungen von ansässigen Unternehmen, sondern bevorzugen andere Formen des Engagements – zum Beispiel Zeit- oder Wissensspenden, wenn es nicht an Geld fehlt, um ein Projekt umzusetzen, sondern an personellen Ressourcen oder an spezifischem Know-how.

Gleichzeitig erkennen die Unternehmen, dass gerade solche CR-Aktivitäten positive Auswirkungen auf ihre gesamte Unternehmenskultur haben, die über die klassische Geldspende hinausgehen und die Stakeholder, insbesondere die Mitarbeitenden, miteinbeziehen. Untersuchungen von Laura Edinger-Schons, die an der Universität Mannheim den Lehrstuhl für Sustainable Business innehat, zeigen: Mehr und mehr Unternehmen setzen auf Partizipation und binden ihre Mitarbeitenden aktiv in ihr gesellschaftliches Engagement ein – etwa beim Corporate Volunteering.

Corporate Volunteering setzt auf Beteiligung der Mitarbeitenden

Bei dieser Form der CR kooperieren die Unternehmen mit gemeinnützigen Partnerorganisationen. Die Beschäftigten bringen sich dort bei Freiwilligeneinsätzen ein – zum Beispiel können Volunteers im Rahmen von Hands-on-Aktionen ihre Zeit und Arbeitskraft spenden und etwa beim Renovieren eines Kindergartens oder bei der Essensausgabe in der Suppenküche helfen. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber unterstützen das Engagement, beispielsweise indem sie entsprechende Kooperationsprogramme auflegen und/oder die Beschäftigten für ihren Einsatz freistellen.

Die Vorteile von Corporate Volunteering liegen auf der Hand: Während das sogenannte Scheckbuchsponsoring über die Köpfe der Beschäftigten hinweg „nur“ auf den guten Zweck und den Imagegewinn für das Unternehmen einzahlt, geht die Wirkung von Corporate Volunteering tiefer, weil auch die Mitarbeitenden davon profitieren. Das gilt speziell dann, wenn sie bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ihre beruflichen Kompetenzen einsetzen können – man spricht dann von Skills-Based-Volunteering. Solche Volunteers können Beschäftigte einer Marketing-Agentur sein, die für eine Non-Profit-Organisation eine Messe organisieren, IT-Fachkräfte, die im Rahmen einer gemeinnützigen Partnerschaft eine Website aufbauen, oder auch die Personalexpertinnen und -experten von Hays, die in einem Kooperationsprojekt Frauen mit Migrationsgeschichte durch verschiedenste Wissensspenden – vom CV-Aufbau über das Training von Bewerbungssituationen bis hin zur Vermittlung von Praktikumsplätzen – geholfen haben, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Kompetenzbasierte Freiwilligenprogramme liegen im Trend

Eine Befragung unter Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen durch die Universität Mannheim und das Beratungsunternehmen Beyond Philanthropy zeigt, dass die Teilnahmebereitschaft an Corporate-Volunteering-Aktivitäten steigt, wenn die Mitarbeitenden ihr berufliches Know-how einbringen können. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass immer mehr Unternehmen ihre Corporate-Volunteering-Programme kompetenzbasiert anlegen und das Fachwissen ihrer Mitarbeitenden in den Fokus des Engagements rücken. Denn das schafft „Win-win-win-Situationen“ für alle Beteiligten: Die sozialen Einrichtungen ebenso wie ihre Klientinnen und Klienten profitieren bei solchen Wissensspenden von den speziellen Fähigkeiten der Freiwilligen, die sie andernfalls teuer einkaufen oder sich mühsam erarbeiten müssten. Ein Beispiel: Beim Pro Bono Camp im November, an dem sich auch Hays beteiligt, coachen Freiwillige die Mitarbeitenden von Non-Profit-Organisationen zu Themen wie Präsentationstechniken oder digitalem Recruiting. In anderen Kooperationen fungieren die Volunteers als Mentorinnen und Mentoren und spenden vor allem spezifisches Fachwissen und praktische Erfahrung.

Den Volunteers bietet ihr Freiwilligeneinsatz wiederum die Gelegenheit, ihr berufliches Wissen an die Gesellschaft zurückzugeben. Dabei können sie sich und ihre Fähigkeiten in einem neuen Kontext erproben und erfahren im Zuge dessen Wertschätzung und Selbstwirksamkeit. Zudem verbessert der gemeinsame Einsatz für die gute Sache das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team. Bei vielen Mitarbeitenden steigert das die Zufriedenheit mit dem Job signifikant. Hinzu kommt das wichtige Argument der „Meaningfulness“. Speziell bei jungen Fachkräften, den sogenannten Millenials, ist die Identifikation mit dem Unternehmen umso höher, je mehr Sinn sie in ihrer Arbeit erkennen.

Für die Unternehmen bedeutet das: Skills-Based-Volunteering-Programme sind eine Möglichkeit, die Mitarbeiterbindung zu stärken und die Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern. Gleichzeitig stellen die Freiwilligeneinsätze eine Investition in die Entwicklung der Mitarbeitenden dar: Bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit lassen sich die Beschäftigten auf neue Situationen und Menschen ein. Indem sie unbekannte Herausforderungen meistern, schärfen sie ihre emotionale Intelligenz, verbessern ihre Problemlösungskompetenz und können sich in Projektmanagement und Teamarbeit üben – Fähigkeiten, die in Zukunft immer wichtiger werden.

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