© momius - Fotolia.com

In der politischen Tagesarbeit gilt oft die Devise „Gesagt, getan“, allerdings nicht in dem Sinne, dass eine Aufgabe schnellstmöglich erledigt wird. Um allgemeinen strukturellen Herausforderungen zu begegnen, wird zunächst ein Ausschuss oder eine Kommission gebildet, dann gibt es einen Masterplan oder sogar ein „Metavorhaben“.

Oppositionspolitiker rufen für gewöhnlich besonders steile Thesen aus: „Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan und ein Investitionsprogramm für Bildung in der digitalen Welt“, heißt es in der Broschüre einer Initiative namens „Deutscher Bildungspakt", in der durchweg Vertreter und Meinungsbildner von Unternehmen und relevanten Industrieverbänden zu Wort kommen.

Die digitale Industrie fordert, das Bildungssystem wehrt sich tapfer

Die Perspektive der Industrie 4.0, welche die Rolle der Gestalter unserer digitalen Welt einnehmen, ist eine andere, als die von amtierenden Bildungspolitikern. Denn diese scheinen etwas gänzlich anderes zu meinen, wenn sie von digitaler Kompetenz sprechen.

Der Zielkonflikt lässt sich vereinfacht zusammenfassen:

  • Die Vertreter der Industrie 4.0 wünschen ein Bildungssystem, das mehr zukünftige Mitarbeiter hervorbringt, die in der Lage sind, Software zu programmieren.
  • Die Vertreter von Bund und Ländern haben eine digitale Kompetenz vor Augen, die im behutsamen Umgang mit digitalen Medien und künstlicher Intelligenz besteht.

Wir haben es also mit einem Gegensatz aus aktiver Gestaltung von digitalen Welten und passiver, aber kompetenter Teilhabe an digitalen Welten zu tun. Den Industrievertretern geht es darum, dass schon jüngere Menschen so früh wie möglich den „spielerischen Zugang zur Softwareprogrammierung finden“ und „einer digitalen Schildkröte das Laufen“ beibringen.

Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, die in der Bildungsdebatte mit ihrer eigenen Initiative 4.0 vertreten ist, stellt sinngemäß eher den behutsamen Umgang mit künstlichen Schildkröten als Lernziel in den Vordergrund.

Digitale Kompetenz als Hausaufgabe?

Schüren wir an dieser Stelle den Konflikt zwischen beiden Stoßrichtungen noch ein Stückchen weiter, indem wir aus besagter Broschüre der Landesregierung NRW zitieren, denn es geht darum, „Mediennutzung von Kindheit an in der pädagogischen Arbeit verantwortlich zu gestalten. Das bedeutet eine in den pädagogischen Handlungsalltag eingebettete Begleitung der Nutzung und die Thematisierung digitaler Medien, die situativ und nicht allein curricular oder projektbezogen erfolgt.

Zu diesem Zweck sind Träger von Einrichtungen, die mit Kindern und Familien arbeiten, gefordert, den Bildungsauftrag entsprechend zu unterstützen und dabei Eltern im Rahmen einer gelingenden Erziehungs- und Bildungspartnerschaft in die Medienbildung aktiv mit einzubeziehen. Die Landesregierung wird hierfür entsprechende Beratungsangebote prüfen.“

Hier scheint die Speerspitze einer möglichen Bildungsoffensive einfach umgedreht. Besorgte Eltern, denen die digitale Früherziehung jetzt schon zu weit geht, können demnächst eine Beratungsstelle aufsuchen. Oder wie sonst ist diese Aussage zu verstehen?

Im gleichen Atemzug wird behauptet, dass der Umgang mit digitalen Medien im Schulunterricht bereits extrem weit fortgeschritten sei. So weit, dass „curricular oder projektbezogen“ allein nicht reicht. Insgesamt sagen uns solche und andere Fundstellen der Veröffentlichung, dass die Kraft zunächst einmal in der Ruhe läge. Das bestätigt auch eine andere Aussage:

„Alle sind aufgerufen, beim digitalen Wandel mitzumachen.“

Gut! Das würde jeder bestätigen. Das grundlegende Bildungssystem kann die ganze Last nicht alleine heben. Allerdings ist es weit davon entfernt, überhaupt schon für adäquate Grundlagen zu sorgen. Und die Zeit drängt, denn es geht um die zukünftige Vorbildung von späteren Fachkräften für eine 4.0-Industrie.

Die Enttäuschung ist also groß, wenn es an anderer Stelle heißt, statt den „Ansatz eines Pflichtfachs Informatik zu verfolgen“, ginge es eher darum, „digitale Kompetenzen nicht von den jeweiligen Fachkompetenzen zu trennen, sondern sie als integralen Bestandteil zu begreifen und zu fördern, um eine bestmögliche Kontextualisierung zu ermöglichen.“

Doch! Genau solche Ansätze sind zu verfolgen: Informatik als Pflichtfach oder als Leistungskurs. Jedenfalls muss ein Bildungssystem eine „informatorische Grundbildung “ beinhalten – um mal wieder die Vertreter der Industrie zu Wort kommen zu lassen. Und eigentlich haben sie recht. Im Physikunterricht müssen Schüler lernen, wie Hebelmechanik, Magnetismus und Elektrizität funktionieren.

Was spricht dagegen, dass Schüler frühzeitig lernen, wie Computersoftware funktioniert und wie man selber kleine Programme schreibt? Es muss ja nicht jeder Programmierer werden. Aber die Weichenstellung dahin sollte doch schon früher erfolgen – so selbstverständlich früh wie bei Sport, Musik und Erdkunde.

In wessen Hoheitsgebiet fällt die digitale Kompetenz?

Selbstverständlich ist das Bildungssystem keine Institution, die alleine dafür verantwortlich ist, welche professionellen Fertigkeiten ihre Ex-Schüler später ausprägen. Allgemeinbildung ist und bleibt die Basis und sollte durchaus weit gefächert bleiben. Es gibt so etwas wie einen Bildungsauftrag, der nicht allein den Forderungen der Industrien zu genügen hat. Es wäre somit unfair, einer Landesregierung zu unterstellen, sie hätte die Zeichen der kommenden 4.0-Zeit nicht erkannt.

Im Gegenteil. NRW 4.0 weiß durchaus, worum es geht. Aber bei allen Fördermitteln, die für eine Unzahl an – außerschulischen – Projekten bereitgestellt werden, darf es nicht allein darum gehen, unser Bildungssystem hier und da ein bisschen „aufzupimpen“. So hört es sich aber stellenweise an, wenn man sich rühmt, Projekte namens – kein Witz – „Hackathon“ und „Jugend hackt“ zu unterstützen. Damit stellt man digitale Kompetenz, wenn vielleicht auch ungewollt, fast in eine subversive Ecke.

Fazit: Es geht in zu langsamen Schritten voran

Die berufsspezifische Ausbildung war traditionell schon immer eine Angelegenheit der Universitäten und der Arbeitgeber. Auch die eigene Weiterbildung bleibt Privatsache, eine Investition in die eigene Karriere. Aber es ist keine vorausschauende Lösung, ein mögliches Unterrichtsfach Informatik als Pflichtfach kategorisch auszuschließen. Es später genauso abwählen zu können wie Physik, Biologie, Chemie oder andere Fächer wäre ein Ansatz, ebenso wie Informatik als mögliches Wahlfach für die Abiturprüfung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel