© vege - Fotolia.com

Hat die nächste industrielle Revolution bereits begonnen? Wenn man den Forschern Glauben schenken mag, so sind wir bereits mittendrin. Was mit der Entstehung des Internets in den 80er-Jahren begann, wirkt sich nun zunehmend auf die gesamte Wertschöpfungskette einer Organisation aus, die zukünftig vollständig digital vernetzt wird.

Kürzlich sprach ich mit einem Vertreter des VDMA, des Verbands des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, welcher mir bestätigte, dass sich beim VDMA bereits alles um das Stichwort „Industrie 4.0“ dreht, also die vierte industrielle Revolution. In diesem Zusammenhang hören wir oft auch vom „Internet der Dinge“; alle Geräte kommunizieren miteinander und wir als User bilden das „Human Interface“.

Werfen wir einen kurzen Blick in die Geschichte. Die erste industrielle Revolution im Übergang des 18. zum 19. Jahrhundert entstand vor allem durch die Mechanisierung und wurde durch die Erfindung der Elektrizität weiter verstärkt. Die zweite industrielle Revolution, welche oft auch mit dem „Taylorismus“ oder „Fordismus“ assoziiert wird, brachte uns die Massenproduktion. Mit der dritten industriellen Revolution begann sozusagen eine industrielle Digitalisierung, als die Informationstechnologie bzw. EDV ihren Siegeszug im Unternehmen antrat.

Industrie 4.0: Höher, weiter, schneller

Industrie 4.0 bringt uns nun die digital vernetzten Wertschöpfungs- und Produktionsprozesse, welche höchst flexibel auf die Anforderungen des Marktes reagieren können. Da stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit und dem Nutzen. Warum drängt die Industrie immer „höher, weiter, schneller“? Den Druck auf die Märkte erzeugen wir alle in der Rolle des Konsumenten. Denn wir werden immer ungeduldiger gegenüber der nächsten Produktgeneration, Bestellzeiten für bereits gefertigte Produkte akzeptieren wir nicht. Die Industrie ist damit unter einem enormen Innovations- und Produktionsdruck. Die Produktlebenszyklen haben sich in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten drastisch verkürzt und erfordern daher eine verstärkte Innovationsdynamik. Dieser folgt eine erhöhte Produktivitätserwartung. Der Wirtschaftsstandort Deutschland unterliegt einem enormen globalen Innovations- und Produktivitätswettbewerb. Ob unser Land dafür technologisch gewappnet ist, greift die Studie „Industrie 4.0 – Volkswirtschaftliches Potential für Deutschland“ von BITKOM und des Fraunhofer IAO auf. Sie kommt zunächst zu dem optimistischen Ergebnis, dass in Deutschland bis ins Jahr 2025 in sechs volkswirtschaftlich wichtigen Branchen Produktivitätssteigerungen von bis zu knapp 80 Milliarden Euro realisierbar sind. Prof. Wilhelm Bauer vom Fraunhofer IAO glaubt zu erkennen, dass „Industrie 4.0 das Zeug dazu hat, unsere industrielle Wertschöpfung so zu revolutionieren wie das Internet die Wissensarbeit“.

Welchen Effekt hat die vollständige Digitalisierung der Wertschöpfungsketten bei maximaler Flexibilität auf den „Produktionsfaktor Mensch“? Die Antwort darauf muss das Konzept „HR 4.0“ liefern, das personalwirtschaftliche Pendant zu Industrie 4.0, welches wissenschaftlich noch in den Kinderschuhen steckt. Die Personalwirtschaft ist im ökonomischen Baukasten eine relative junge Disziplin – wie bereits mehrfach im Rahmen unseres Blogs angesprochen – und folgt daher oft erst zeitverzögert den industriellen  Veränderungen, welche jetzt auch durch Industrie 4.0 drohen. Auch hier zu hat das Fraunhofer IAO bereits und eine sehr spannende Studie vorgelegt, welche ich aktuell als Pflichtlektüre empfehlen möchte.

Der Mensch kann durch Elektronik nicht ersetzt werden

Eines muss uns allen klar sein: Wenn in der technologischen Wertschöpfung kontinuierlich noch mehr Flexibilität auf die Tagesordnung kommt, wird auch der Mensch in der Organisation zunehmend betroffen sein. Der Fraunhofer-Studie zufolge wird der Mensch auch in Zukunft nicht vollständig durch die Elektronik ersetzt werden können. Das klingt zunächst positiv, irgendwie bleibe ich aber skeptisch. Personalabteilungen und Management haben auf jeden Fall noch zu wenige Antworten darauf gefunden. Einige Themen, die in HR-Fachkreisen heute bereits aufgegriffen werden und auch kürzlich im Rahmen des 4. ZukunftsForums Personal in Bonn diskutiert wurden, sind u.a. die Veränderung des zentralistischen Führungskonzepts zugunsten der sogenannten „geteilten Führung“, die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort oder die Aufhebung der Trennung zwischen Produktions- und Wissensarbeit. Ich schließe mich den Worten der Galionsfigur des deutschen Personalwesens und Ex-Personalvorstandes der Telekom Thomas Sattelberger an, wenn er fordert: „Die Personaler müssen die Treiber sein... um soziale Innovation voranzutreiben.“

Es spielt keine Rolle, wie wir die Innovationsherausforderungen der Zukunft betiteln. Industrie 4.0 oder HR 4.0 sind sicherlich schöne, plakative Stichworte. Wichtig ist vor allem, dass wir alle in irgendeiner Form eingebunden sind, ob als Konsumenten oder als Akteure in der Wirtschaft. Daher ist es notwendig, dass wir uns weiter damit beschäftigen, ob in den Unternehmen, in der Politik oder in der Gesellschaft!

Weiterführende Links

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel