Industrie 4.0 ist kein neues Thema, zumindest nicht da, wo ich in Deutschland ansässig bin. Ich erinnere mich noch gut daran, wie dieser Begriff auf der Hannover Messe 2011 plötzlich in aller Munde war, gefolgt von umfangreichen Untersuchungen des Bildungsministeriums.

Auf einmal stand die Idee im Raum, dass Maschinen virtuelle Nachbildungen der realen Welt erstellen können, um dezentrale Entscheidungen zu treffen und in realen Situationen in Echtzeit zu arbeiten. Ein unglaubliches Konzept, dessen Dynamik wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätten. Und heute, sieben Jahre später, werden wir Zeuge der Automatisierung ehemals manueller Prozesse, die zur Steigerung von Effizienz, Produktivität und Leistung beiträgt. Doch was bedeutet das für die Arbeitswelt?

Was bedeutet Industrie 4.0 für die Arbeitnehmerschaft als Ganzes?

Lassen Sie uns zunächst einmal rekapitulieren, was Industrie 4.0 eigentlich bedeutet. Industrie 4.0 beschreibt die digitale Umwandlung klassischer Industrie- und Fertigungsprozesse durch die Verknüpfung von Technologien wie dem Internet der Dinge, Big Data, Augmented Reality (AR) und Virtualisierung, künstlicher Intelligenz (KI) und digitalen Kommunikationsinfrastrukturen.

Industrie 4.0 bewirkt einen Paradigmenwechsel in der Industrieproduktion und bringt grundlegende Veränderungen in der Arbeitsmarktdynamik mit sich. Sie bietet Vorteile, die von der dezentralen Entscheidungsfindung in Echtzeit durch Maschinen, die Industrieanlagen betreiben, bis hin zur Rückverlagerung von Produktionsanlagen an Standorte in fortgeschrittenen Volkswirtschaften reichen.

So revolutionär diese Veränderungen auch sein mögen, eine allgemeine Besorgnis um die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Arbeitsmarkt bleibt nicht aus. Man geht davon aus, dass der Einsatz von zunehmend autonom laufenden Maschinen Positionen verdrängen wird, für die ein mittleres Qualifikationsniveau erforderlich ist.

Dies belegt der neueste Hays Global Skills Index – eine umfassende Studie von Hays und Oxford Economics, in der Arbeitsmarkttrends in 33 Ländern analysiert werden. Der Index ergab, dass „verbesserte Technologien wahrscheinlich zu einer veränderten Arbeitsplatzverteilung und dem Wegfall von Arbeitsplätzen mit mittlerer Qualifikation führen werden.“

Der Index zeigt jedoch auch, dass sowohl in niedrig- als auch in höherqualifizierten Berufen mehr Arbeitsplätze entstehen werden, was letztlich bedeutet, dass durch die Automatisierung mehr Arbeitsplätze geschaffen als zerstört werden. Dies wird durch weitere Erkenntnisse aus dem Index gestützt, die darauf hindeuten, dass die neuen Technologien Herstellungs- und Dienstleistungskosten senken werden, was „wiederum die Kaufkraft der Verbraucher erhöhen und zu neuen Arbeitsplätzen führen wird.“

Unsere Index-Ergebnisse wurden durch die Forschung des renommierten World Economic Forums gestützt und in einem Artikel des „Guardian“ zitiert. Die Studie, die die Rolle von über 15 Millionen Arbeitnehmern aus 20 verschiedenen Nationen untersuchte, ergab, dass der Vormarsch von Maschinen, Robotern und Algorithmen letztendlich mehr Arbeitsplätze schaffen (133 Millionen) als er verdrängen wird (75 Millionen).

Der Artikel kommt daher zu Recht zu dem Schluss, dass die Automatisierung den Arbeitsmarkt eher verändern als zerstören wird. Es stellt sich aber die Frage, wie das nächste Kapitel von Industrie 4.0 Ihren Job schon in naher Zukunft verändern wird.

 

Geldmaschinen – der Einfluss der Industrie 4.0 auf die finanzielle Talentplanung

Die Finanzbranche investiert massiv in neue Technologien. Laut meinem Kollegen Carl Piesse haben Finanzfachleute jedoch Schwierigkeiten, sich an die Technologien der Industrie 4.0 anzupassen, da sie sich zu wenig damit auskennen: „94 Prozent der Finanzdienstleister vermuten, dass Kollegen Schlagworte wie ‚Blockchain‘ und ‚künstliche Intelligenz‘ verwenden, obwohl sie deren Bedeutung nicht verstehen.“

Carl weist darauf hin, dass Experten in KI, Kryptowährung, Blockchain und Internetsicherheit – alles Grundlagentechnologien der Industrie 4.0 – im Jahr 2018 zu den gefragtesten Spezialisten im Bereich Finanztechnologie gehörten. Und Emma Neville von Hays Australien stellt fest: „Die Digitalisierung des Bankwesens und die riesigen Mengen an vertraulichen Daten von Banken machen Finanzorganisationen zu einem sehr attraktiven Ziel für Internetkriminalität.“    

Die Anpassung der Finanzvorstände (CFOs) an die völlig neuen Wertschöpfungsketten der Industrie 4.0 erfordert auch generelle Änderungen der Kompetenzen im Finanzbereich. Wie werden CFOs neue Investitionen bewerten, wenn ihre Werksleiter Roboter sind? Und welche Fähigkeiten werden Ihnen bei der Einstellung Ihres nächsten Finanzdirektors wichtig sein?

Die Bedeutung von Industrie 4.0 für Ingenieure

Es liegt auf der Hand, dass sich die Anforderungen an Mitarbeiter und Fähigkeiten im Bereich Produktion, Prozesse, Verfahrenstechnik und Maschinenbau innerhalb der Industrie und Fertigung ändern werden, aber was ist mit anderen Disziplinen im Engineering-Umfeld?

Die Öl-, Gas-, Bergbau- und Energieindustrie nutzt das Internet der Dinge, Automatisierung und Big Data seit Langem, und die Vorteile der Industrie 4.0 rücken mehr und mehr in den Fokus. Für die Schiffs- und Offshore-Branche – die einerseits innovativ ist, andererseits Veränderungen sehr skeptisch gegenübersteht – zeichnet sich ein weit komplexeres Bild.  

Innerhalb des Bausektors, der weniger stark auf Prozessen basiert, profitieren Bauingenieure und Tragwerksplaner auch weiterhin von den Technologien, ohne dass sich die Tätigkeiten dadurch grundlegend ändern. Mit zunehmender Industrialisierung des Bauwesens, wodurch Gebäudemodule in Fertigungsanlagen und nicht vor Ort hergestellt werden, wird sich dies jedoch ändern.

Für die Entwicklung, den Aufbau, die Fehlersuche und die Wartung von Industrie-4.0-Technologien sind ingenieurstechnische Fähigkeiten in allen Disziplinen erforderlich. Doch die Qualifikationen und Arbeitskräfte, die zur Besetzung offener Stellen erforderlich sind, werden sich mit der Einführung neuer Technologien verändern.

Die Neugestaltung von Marketingtätigkeiten

Laut dem Marketing AI Institute werden viele Aufgaben automatisiert ablaufen, die derzeit noch einen Großteil der Arbeitszeit des Marketingpersonals in Anspruch nehmen. Dazu gehören administrative Aufgaben wie der A/B-Test von E-Mails oder das Hochladen von Social Media-Updates, die bereits heute in großem Umfang automatisiert sind.

Durch KI werden jedoch auch komplexere Aufgaben wie die Analyse großer Datenmengen, die Erstellung von Social Media-Texten oder die Zusammenstellung von suchmaschinenoptimierten Schlagzeilen automatisiert. Während die Marketingteams natürlich lernen müssen, diese Technologien zu nutzen, werden sie sich durch diese Veränderungen jedoch auch neue Fähigkeiten aneignen und neue strategische Rollen übernehmen können.

Technologie hoch zehn – Biowissenschaften übernehmen Industrie 4.0

Die Bereiche Biowissenschaften, Gesundheitswesen und Medizin machen ihre eigenen Erfahrungen mit der Industrie 4.0. Die Nutzung von AR und multisensorischer Medizin verspricht eine revolutionäre Veränderung des Gesundheitswesens, bei der durch intelligente Forschung unter Einsatz von Big Data und Analysen die Effizienz und Ergebnisse der klinischen Forschung erheblich verbessert werden.

Mithilfe von Industrie-4.0-Technologien begeben sich die Genom-Editierung und Molekulartechnik auf den Weg zur Automatisierung. Dies wird zu einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Ingenieuren führen, stellt aber auch eine ethische Herausforderung dar, die es erforderlich macht, dass sich geeignete Fachkräfte damit befassen.     

Trends in der Personalbeschaffung in der Biopharma-Branche werden von sich immer schneller entwickelnden Technologien aus dem Industrie-4.0-Umfeld vorangetrieben, während technische Giganten wie Google, Apple, IBM und Samsung in die Entwicklung von KI zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten investieren.

Soft Skills zur Sicherstellung eines erfolgreichen Übergangs zur Industrie 4.

Sicherzustellen, dass Ihre Mitarbeiter, seien es Ingenieure, Marketingspezialisten, Wissenschaftler, Finanzspezialisten oder Manager, über die richtigen fachlichen und technischen Fähigkeiten verfügen, damit Ihr Unternehmen von allem profitiert, was Industrie 4.0 verspricht, ist nur ein Teil der Herausforderung am Arbeitsplatz.

Soft Skills, einschließlich guter Kommunikationsfähigkeiten, unterstützen die Implementierung von Industrie 4.0, insbesondere mit einem Team an der Spitze, das mit Änderungsprozessen umzugehen weiß. Hays-CIO Steve Weston erklärt, dass Führungskräfte, die mit Mitarbeitern auf allen Ebenen des Unternehmens kommunizieren, eine achtmal höhere Wahrscheinlichkeit haben, erfolgreiche Transformationsprojekte durchzuführen, als solche, die das nicht tun.

Steve betont außerdem, dass CIOs im Führungsteam nicht nur über technisches Verständnis verfügen müssen, um die der Industrie 4.0 zugrunde liegenden Technologien zu begreifen, sondern auch auf die Veränderungen reagieren müssen, die die digitale Transformation für die Mitarbeiter mit sich bringt.

In meinem früheren Blog über die Sicherstellung des Buy-ins durch den Vorstand gehe ich auf eine Studie von McKinsey ein, laut der 96 Prozent der 500 befragten globalen Unternehmen nicht bereit für den digitalen Wandel sind. Die Studie zeigt, dass Kommunikation und die Fähigkeit zum ständigen Lernen wesentliche Soft Skills auf allen Ebenen eines Unternehmens darstellen.

Wie bereits beschrieben, sind die Fertigungs- und Produktionsvorteile von Industrie 4.0 nur ein Teil des Ganzen. Die digitale Transformation wird viele weitere Vorteile bringen. So können beispielsweise die von Ihrem Unternehmen generierten Daten auch außerhalb der eigenen Organisation einen Wert haben und dadurch marktfähig sein.

Um diese Chancen voll auszuschöpfen, sind Kundenausrichtung, kaufmännisches Denken und Lösungsorientierung Teil der Soft Skills, die jeder Kandidat, unabhängig von seinem beruflichen Hintergrund oder seiner Tätigkeit, mitbringen sollte.

Über unseren Kollegen Dirk Hahn

Nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann begann Dirk Hahn 1997 seine Karriere bei Hays. Zunächst als Abteilungsleiter, dann als Bereichsleiter und schließlich als Director Vertrieb. Im Januar 2008 wurde Dirk Hahn als Chief Operating Officer in den Vorstand der Hays AG berufen und verantwortet den Vertrieb in den Specialisms Engineering, Construction & Property, Life Sciences und Healthcare in Deutschland sowie den Bereich Rekrutierungsmanagement. Seit 2017 ist er Mitglied im internationalen Management Board.

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