Der Begriff Leadership umfasst heute viel mehr als nur delegieren und Termine einfordern. Leadership ist zu einer eigenen Disziplin geworden, in der man Expertise aufbauen kann. Es geht darum, Menschen zu verstehen, den Mitarbeitenden Wertschätzung entgegenzubringen und gemeinsame Werte zu leben.

Viele sagen: „Leadership bedeutet Führung von Mitarbeitenden.“ Ganz so einfach ist es allerdings nicht mehr. Seitdem hierarchisch geprägte Top-Down-Leadership-Stile immer weniger akzeptiert werden, sind verschiedenste moderne Ansätze entstanden.

Wo es in Top-Down-Leadership-Stilen überwiegend auf Entscheidungsmut und Durchsetzungsstärke ankommt, werden in der modernen Leadership Kooperation und persönliche Kompetenzen immer wichtiger.

In meinem Studium habe ich mich damit noch nicht auseinandergesetzt. Ich musste aber schon bald feststellen, dass es für den beruflichen Erfolg längst nicht ausreicht, fachlich gut aufgestellt zu sein.

Direkt nach dem Studium habe ich eine Stelle als Projektingenieur in einem mittelständischen Unternehmen angetreten. Es war eine sehr interessante Aufgabe in einem aufstrebenden Unternehmen. Für ein neues Produkt wurde eigens ein neuer Geschäftsbereich gegründet. Das neue Großkundenunternehmen stand bereits vor der Tür und ein großes Projekt sollte folgen. Das war genau mein Ding: Alles neu, Mitgestaltungsmöglichkeiten, viele Herausforderungen und von Beginn an dabei.

Zwei Wochen nach meinem Sprung ins kalte Wasser wurde die Euphorie von Selbstzweifeln verdrängt. Ich saß zu Hause, hatte Tränen in den Augen und habe mich gefragt, wie ich das bloß alles leisten sollte. Mir wurde klar, dass ich mit dem ganzen Fachwissen, das ich im Laufe des Studiums angesammelt hatte, nur sehr bedingt etwas anfangen konnte.

Ein Jahr später hatte ich das Schwimmen in neuen Gewässern weitestgehend unter Kontrolle und bin in eine Projektleitungsfunktion aufgestiegen. Einerseits musste ich nun nicht mehr alles selbst erledigen; es gab ein Projektteam, in dem die Zuständigkeiten einigermaßen klar geregelt waren. Andererseits musste ich – und das war neu – delegieren, Antworten und Termine einfordern und hatte die Verantwortung für das Projekt.

Da mir das Delegieren nicht lag und ich mich auch nicht wohl in der Rolle fühlte, Dinge einzufordern, habe ich am Ende vieles selbst erledigt, was nicht zu meinen Aufgaben gehörte. Nur um meine Schwächen auszugleichen. Die Folge waren sehr lange Arbeitstage und wenig Struktur im Projekt. Nicht nur meine Motivation, sondern auch die Motivation im Projektteam hat darunter gelitten.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich das erste Mal mit dem Thema Leadership auseinandergesetzt.

Welche persönlichen Eigenschaften sind in der modernen Führung notwendig? Egal für welche Leadership-Ansätze wir uns interessieren – sie alle bedürfen sozialer Kompetenzen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir möglichst viele verschiedene Kompetenzen bereits besitzen. Vielmehr ist es die Bereitschaft, sich persönlich weiterzuentwickeln und die Fähigkeit der Selbstreflexion zu erlernen.

Typische Kompetenzen für moderne Leader sind z. B.:

  • Emotionale Intelligenz
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Empowerment
  • Selbstreflexion
  • Lernfähigkeit bzw. Lernbereitschaft
  • Lösungsorientiertes Denken
  • Motivationsfähigkeit

Viele von uns unterliegen dem Glaubenssatz: „Zum Leader muss man geboren sein“ oder „Charisma hat man oder eben nicht“. Das ist allerdings falsch. Durch gezielte Weiterentwicklung haben wir die Möglichkeit, uns die nötigen Qualifikationen anzueignen. Sofern Interesse und Wille bestehen, ist es für jeden Menschen möglich, sich in diesen Feldern zu verbessern.

Selbstreflexion ist dabei eine Schlüsselkompetenz, die es uns ermöglicht, alle weiteren Kompetenzen aufzubauen und weiterzuentwickeln.

 

Auch Expertinnen und Experten brauchen Leadership-Kompetenzen

In Zeiten von schnellem, konstantem und disruptivem Wandel kann es nicht mehr die eine Fachkraft geben, die für alles eine Lösung weiß. Die Technologien und Prozesse sind so komplex geworden, dass eine kooperative Zusammenarbeit ein maßgeblicher Faktor für den Erfolg eines Unternehmens ist.

Es sind nicht mehr automatisch die besten Talente mit viel Durchsetzungsstärke, die zu einer Führungskraft heranwachsen. Die meisten Unternehmen haben schon lange erkannt, dass es bei einer Führungskraft auf weit mehr als auf fachliche Expertise ankommt.

Probleme können fast ausschließlich gemeinsam gelöst werden. Wobei es oft auch einer Zusammenarbeit mit den Kunden- oder  Lieferunternehmen bedarf. Weiterhin zieht zunehmend Agilität in die Unternehmen ein und mit ihr auch eigenverantwortliche Zusammenarbeit in Teams.

Unternehmerische Erfolge werden überwiegend durch gut funktionierende, selbst agierende Teams hervorgebracht. Das ist es, was Expertinnen und Experten heute umsetzen müssen.

Wer in dieser Arbeitswelt nicht über Leadership-Kompetenzen verfügt, läuft Gefahr, im Team unterzugehen oder kaum mitgestalten zu können. 

Kann man Leadership-Kompetenzen lernen? Ja, aber nicht durch bloßen Wissensaufbau im Frontalunterricht. Vielmehr erlangt man soziale Kompetenzen durch persönliche Weiterentwicklung und Anwendung der neu erworbenen Fähigkeiten. Persönliche Entwicklung beruht auf Wissensaufbau, Anwendung und ständiger Selbstreflexion. Genau hierdurch entwickelt man die nötige Expertise und qualifiziert sich infolgedessen zum Leader.

Dabei ist es vollkommen egal, auf welchem Gebiet wir dieses Spezialwissen aufweisen. Sei es im Engineering, in der IT oder auch anderen Bereichen – unsere fachliche Expertise ist nur ein Teil unserer Fähigkeiten.

Was ich aus diesen Erkenntnissen gelernt habe

Im weiteren Verlauf meiner Karriere habe ich der Projektleitung den Rücken gekehrt und mich für eine Fachlaufbahn entschieden. Nichtsdestotrotz hat mir die Auseinandersetzung mit dem Thema Leadership beim Aufbau persönlicher Kompetenzen geholfen.

Gleichwohl ich Experte auf meinem Gebiet wurde, war es unerlässlich, meine Fähigkeiten in den Bereichen Kommunikation, wahrgenommene Kompetenz sowie Motivationsbereitschaft entsprechend zu nutzen und auch mein Mindset weiterzuentwickeln.

Ohne diese Skills wäre es mir nicht möglich gewesen, meine Expertenrolle auszufüllen und mich entsprechend im Unternehmen zu positionieren.

Fazit

Auch als Expertin oder Experte gerät man schnell in eine führende Rolle, wenn es darum geht, ein Projekt zu leiten, die eigenen Ideen umzusetzen oder Dienstleistungs-  und Lieferteams anzuleiten. Je früher wir entsprechende Kompetenzen aufbauen, desto schneller bekommen wir die Möglichkeit, erfolgreich in unserem Fachgebiet zu agieren und uns für verantwortungsvolle Aufgaben zu qualifizieren. Dabei spielt es keine Rolle, auf welche Art wir uns diese Kompetenzen aneignen. Sei es in Form von Büchern, learning by doing, Weiterbildung durch den Betrieb oder persönliches Coaching – die Weiterbildungsform muss zu uns und unseren Lebensphasen passen. Soziale Kompetenzen sind notwendig, um ein gewisses Erfolgslevel, egal ob Fach- oder Führungslaufbahn, zu erreichen.

Erst die entsprechenden Kompetenzen sind die Qualifikation für eine weiterführende Karriere. Lebenslanges Lernen, Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung sind der Schlüssel zu beruflichem Erfolg.

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