Kalter Kaffee? Dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, darüber lesen wir seit gefühlten 20 Jahren. Wohlgemerkt lesen - aber handeln wir auch entsprechend? Haben wir uns wirklich von den strukturellen Merkmalen der Industriegesellschaft verabschiedet, von dem Hochamt der Arbeitsteilung und Standardisierung? Das wage ich zu bezweifeln, und der empirische Befund unserer aktuellen Studie zur Wissensarbeit scheint dies zu bestätigen. Auf verschiedenen Ebenen.

[caption id="attachment_1523" align="alignleft" width="400"]Beschreibung der Wissensarbeit aus Sicht von festangestellten Wissensarbeitern Beschreibung der Wissensarbeit aus Sicht von festangestellten Wissensarbeitern[/caption]

Die strategische Bedeutung von Wissensarbeit

Eine davon betrifft die Frage, ob die strategische Bedeutung von Wissensarbeit in Unternehmen auch gelebt wird. Während die befragten Seniormanager dieses Statement fast einheitlich bejahen, nimmt die Zustimmung ab, je tiefer wir in die Hierarchien eintauchen. Und freiberufliche Wissensarbeiter sehen dies mit ihrem Blick von außen noch skeptischer. Vieles ist demnach Selbstbeweihräucherung, die Crux liegt in den Mühen des Alltags (das kennen wir ja alle zur Genüge).

Zum Beispiel fehlen schlicht Räume für den Austausch der vielgeschätzten Wissensarbeiter, wie diese feststellen. Um sich zwanglos ohne Eintrag im Terminkalender und ohne klar umrissener Agenda mit ihresgleichen auszutauschen. Bei allen neuen Bürokonzepten – weg von einem festen Arbeitsplatz und hin zu flexiblen Sitzordnungen – scheinen viele Unternehmen vergessen zu haben, dass offene Räume ein Muss sind, wenn Kommunikation ernst genommen wird.

Routinearbeit oder Wissensarbeit?

Jenseits dessen fallen weitere Widersprüchlichkeiten ins Auge. Dazu gehören die leidigen Punkte Routine und feste Regeln. Nicht überraschen wird Sie, geneigter Leser, dass die breite Mehrheit der Wissensarbeiter meint, ihre Tätigkeit sei nicht über Regeln und Prozesse definierbar. Bei Führungskräften sieht das Bild schon anders aus: Hier gibt es viele, die genau dies als Merkmal von Wissensarbeit bezeichnen. Von wegen Freiraum für die Kreativen.

[caption id="attachment_1524" align="alignleft" width="400"]Beschreibung von Wissensarbeit aus Sicht von Führungskräften Beschreibung von Wissensarbeit aus Sicht von Führungskräften[/caption]

Es ist daher nur logisch, dass viele Wissensarbeiter angeben, ihre Arbeit beinhalte viele Routinetätigkeiten. 55 Prozent sind hierbei eine Menge Holz. Ihre Führungskräfte sehen dies ungleich positiver. Drei Viertel meinen, ihre Wissensarbeiter hätten wenige bürokratische Aufgaben zu erledigen. Wahrscheinlich liegt die Wirklichkeit wie immer in der Mitte. Trotzdem: Sparen gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn administrative Rollen gestrichen werden, bleibt vieles an den Wissensarbeitern selbst hängen und reduziert ihre eigentliche Zeit für Wissensarbeit. Aber wer stellt schon gerne Gegenrechnungen auf?

Bekanntlich ist es ein langer Weg, um Paradigmen zu brechen und Organisationen auf neue Wege zu bringen. Rückschritte garantiert, Parallelwelten genauso. Doch es lohnt sich, Wissensarbeit noch wesentlich mehr (Frei-)Raum zu geben, damit Wissen fließen kann – jenseits von festen Regeln und Hierarchien. Vernetzung ist angesagt, und die lässt sich nicht vom Reißbrett aus planen.

Hier können Sie den Abschlussbericht - Wissensarbeiter und Unternehmen im Spannungsfeld direkt downloaden.

Über den Autor Frank Schabel

Der Geisteswissenschaftler Frank Schabel hatte jahrelang Führungsrollen, vor allem in der IT-Industrie im Bereich Marketing/Corporate Communications, inne. Frühere Stationen waren unter anderem SAP und CSC Ploenzke. Von 2006-2020 war er Head of Marketing/Corporate Communications bei der Hays AG und ist aktuell als Managementberater & Interimsmanager sowie Autor von Fachbeiträgen aktiv.

LinkedIn-Profil: Frank Schabel

Website: https://www.frankschabel.de/

 

Kommentare


    1. Frank SchabelFrank Schabel

      tja, Herr Felser, big blue war oft, aber nicht immer voraus. Ich war übrigens selbst ob dieses empirischen Befunds überrascht. Dachte naiv, viele Unternehmen haben nicht nur Kaffeemaschinen, sondern auch kuschelige Ecken, wo sich selbiger trinken lässt. Am besten mit Kollegen. Ist wohl nicht wirklich so? Wieso das so ist? Zwei kleine Erklärungsversuche: Zum einen ist es vielleicht gar nicht so gewollt, dass wir uns über alles hinweg vernetzen und die gute Hierarchie vergessen machen. Zum anderen – habe ich bei einem meiner Arbeitgeber selbst erlebt – wird zwar viel in flexible Bürokonzepte investiert, aber zu oft geht es um clean desk und keinen festen Arbeitsplatz mehr, aber weniger um Räume zum Austausch.
      Es grüßt Sie
      Frank Schabel

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