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Eine geringe Arbeitslosenquote gilt allgemein als Indiz für eine gesunde Wirtschaftslage. In einer Industrienation wie Deutschland gehört die Vollbeschäftigung zu den erklärten politischen Zielen. Aber im Gegensatz zu einer Arbeitslosenquote, die quantitativ erfasst werden kann, bleibt die Vollbeschäftigung eine variable und schwer bezifferbare Zielgröße. Also was verbirgt sich hinter dem Konzept der Vollbeschäftigung eigentlich? Und ist Vollbeschäftigung nur positiv, oder kann sich Vollbeschäftigung etwa auch als Wachstumsbremse herausstellen?

Ab wann spricht man von Vollbeschäftigung?

Unter Vollbeschäftigung versteht man die komplette Ausschöpfung aller Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft. Auf den Arbeitsmarkt bezogen, bedeutet Vollbeschäftigung nicht mehr oder weniger, als das alle arbeitswilligen Erwerbspersonen in Beschäftigung sind. So einfach so gut.

Manche Ökonomen sehen eine Vollbeschäftigung bereits ab einem Maximalwert von 3,5 Prozent Arbeitslosigkeit als hinreichend gegeben an. Wie aktuelle Arbeitslosenstatistiken zeigen, scheinen wir uns unaufhaltsam diesem Ziel zu nähern. Im Jahr 2018 betrug der Jahresdurchschnittswert der Arbeitslosenquote rund 5,3 Prozent. Im Vergleich: Noch im Jahr 2005 lag diese Zahl bei 11,7 Prozent. Somit befindet sich Deutschland auf dem besten Weg zu diesem vermeintlichen Idealzustand.

Wichtig und unerlässlich ist, wenn wir über dieses Thema sprechen, dass nachhaltige Vollbeschäftigung nur auf Basis einer gesunden Volkswirtschaft fußen kann. Man erinnere sich an Griechenland vor der Krise. Dort hat man sich über viele Jahre hinweg einen stark aufgeblähten „Verwaltungsapparat“ gegönnt und viele Menschen so in Arbeit gebracht, bis es zum folgenreichen Kollaps kam.

Ökonomisch ebenso fragwürdig wäre das Etikett „Vollbeschäftigung“ für Länder, deren Bevölkerung sich unter eher unzumutbaren Bedingungen und auf niedrigstem Lohnniveau buchstäblich über Wasser hält. Doch obschon bekannt ist, wie relativ sich die Zielgröße „Vollbeschäftigung“ darstellt, wird sie speziell von Politikern immer wieder gerne als absolute Wegmarke gesetzt.

Heißt Vollbeschäftigung tatsächlich Vollbeschäftigung? Und was müssen wir beachten?

Es kommt immer darauf an, ob eine Statistik, die den Grad der bereits erreichten Vollbeschäftigung darstellen will, sämtliche Variablen einbezieht, die in eine solide Berechnung einer Arbeitslosenquote hineingehören. Dafür sollten folgende Fragen beantwortet werden:

  • Wie hoch ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen?
  • Welche Arbeitslosen stehen dem Arbeitsmarkt unmittelbar zur Verfügung?
  • Wie hoch ist der jeweilige Anteil an hoch qualifizierten, qualifizierten und nicht qualifizierten Erwerbsfähigen, die keinen Job haben?
  • Wie hoch ist der Anteil an Unterbeschäftigten oder gering Beschäftigten in der Menge der aktuell Erwerbstätigen?
  • Welche arbeitslosen Erwerbsfähigen entfallen aus der Statistik, weil sie sich in einer staatlich geförderten Umschulungsmaßnahme befinden?

Die Liste ließe sich um viele weitere Fragen anreichern. Nichts ist somit dynamischer und unberechenbarer als eine endgültig zuverlässige Arbeitslosenstatistik. Gibt es also taugliche Seismografen für den tatsächlichen Zustand eines Arbeitsmarktes? Ideal wären Indikatoren, die die Hintergründe und Bedingungen einer gedeihenden Volkswirtschaft gleich mit abbilden.

Welcher Indikator für Vollbeschäftigung spiegelt natürliches, gesundes Wachstum wider?

Gemäß des Hays Global Skills Index 2018 liegen führende Industrienationen bei einem Wert zwischen 4 und 6 Prozent, was die Arbeitslosenquote betrifft. Ausreißer nach unten bestätigen die Vermutung, dass die Arbeitslosenquote allein kein Indiz dafür ist, wie gut sich eine Volkswirtschaft zuletzt entwickelt – oder weiterentwickelt hat.

Volkswirtschaftler schätzen daher noch heute die klassische „Beveridge-Kurve“ als plausibelste Abbildung eines Zustands, der die Bezeichnung „Vollbeschäftigung“ auch nach Maßgabe wissenschaftlich-ökonomischer Kriterien verdient. Das nach ihm benannte Modell entwickelte der britische Ökonom William Henry Beveridge bereits Mitte der 40er-Jahre. Bis heute hat es nichts von seiner unbestechlichen Aussagekraft eingebüßt und würde praktisch für jede Art von Ökonomie funktionieren, die sich am freien Spiel der Marktkräfte orientiert.

Das Beveridge-Modell besagt: Ein Zustand der Vollbeschäftigung ist erreicht, wenn es mehr zu besetzende Arbeitsstellen als Arbeitssuchende gibt. In einer solchen Betrachtung ist die Stärke einer Volkswirtschaft „eingepreist“. Ein Mehrangebot an Vakanzen gegenüber verfügbaren Arbeitskräften deutet untrüglich auf wirtschaftliches Wachstum hin. Denn auch umgekehrt gilt: Wer keine Jobs zu vergeben hat oder neue Arbeitsplätze schafft, stagniert.

Vollbeschäftigung = Fachkräftemangel?

Man könnte jetzt natürlich in die Annahme verfallen, dass durch Vollbeschäftigung die Arbeitgeber auf lange Sicht die großen Verlierer sind.  Denn in einem durchsättigten Arbeitsmarkt auf Vollbeschäftigungs-Niveau wird es schwieriger, die benötigten Fachkräfte zu finden. Ist Vollbeschäftigung also ein erstes Signal für Stagnation und gehemmtes Wirtschaftswachstum? Im Sinne eines „Klagens auf hohem Niveau“? Ein klares: Jein!

Natürlich ist es in Zeiten von Vollbeschäftigung schwieriger, die passenden Mitarbeiter zu finden. Dies alleine durch Vollbeschäftigung zu erklären, greift zu kurz. Der bereits seit Jahren anhaltende Fachkräftemangel in der IT-Branche zum Beispiel, liegt daran, dass es nicht genügend spezialisierte IT-Experten gibt. Natürlich kann Vollbeschäftigung dieses Phänomen noch verschärfen. Ist aber nie der Hauptgrund. Dies können wir tag täglich in unserem IT-Contracting Business beobachten.

Dadurch, dass es nicht genügend IT-Experten auf dem Arbeitsmarkt gibt, machen sich viele selbständig und bieten ihre Expertise projektbasiert an. Ihre Expertise steht dem Markt also zur Verfügung, jedoch nicht als klassische Angestellten, sondern als selbständige Unternehmer, die Ihre Expertise nach den Regeln des Marktes anbieten. Angebot und Nachfrage.

Fazit

Vollbeschäftigung ist das Anzeichen für einen bisher gut begangenen Weg. Doch der Weg ist nicht das Ziel! Je näher wir der Vollbeschäftigung kommen, desto mehr qualifizierte Erwerbstätige benötigen wir für unseren Arbeitsmarkt.

Dabei sollten wir auch die neuen Erwerbsformen beachten. Diese Experten bieten Ihre Expertise nicht mehr in einem klassischen Angestelltenverhältnis an, sondern als selbständige Unternehmer am Markt. Vielleicht müssen wir uns hier auch etwas von dem alten Denken, dass das klassische Angestelltenverhältnis die einzig erstrebenswerte Form von Arbeit ist verabschieden. Aber dies nur am Rande als Gedankenanstoß.  

Ist das Ziel der Vollbeschäftigung so nah wie jetzt, sollten wir weniger jubeln, sondern uns Gedanken machen, wie wir damit umgehen. Ein Einwanderungsgesetz für qualifizierte Einwanderung, wie es die Bundesregierung aktuell plant, könnte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Aber Beeilung: ist die Vollbeschäftigung erstmal erreicht, ist es vielleicht schon zu spät.

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