Ob sich der Begriff Wissensarbeiter noch auf der Höhe unserer technologisierten Zeit bewegt, darüber denke ich regelmäßig nach. Mit einem Fragezeichen im Hinterkopf, ob Wissen noch eine so konstante Größe ist, dass sich auf ihr ein eigener Arbeitsbegriff gründen lässt. Wenn alles digital geht, bedarf es dann noch Wissen oder wird es zum Relikt vergangener Epochen? Weggeschwemmt von künstlicher Intelligenz, von Machine Learning und Sonstigem mehr.

Wissensarbeit ist mehr als Spezialistentum

Während meiner Hays-Zeit habe ich den Begriff Wissensarbeit liebend gerne benutzt. Weil in ihm in meinen Augen mehr drinsteckt als Spezialistentum. Er ist mit einer bestimmten Geisteshaltung verwoben, in der es gilt, Wissen intelligent wie kreativ zu nutzen und zu neuem zu kombinieren. In den Wörtern Experten oder Spezialisten steckt für mich eher die praktische Anwendung von Wissen. Bekanntlich prägt Sprache unsere Welt, daher ist diese Diskussion nicht überflüssig.

Ebenso wenig überflüssig ist es daher, den Status der Wissensarbeit zu vermessen. Dazu haben wir in der letzten Dekade regelmäßig Reports kreiert.

Nun liegt eine neue Hays-Studie vor: In ihrem Zentrum steht, wie sich die Digitalisierung auf die Wissensarbeiter auswirkt – und dazu haben wir mehr als 1.000 Menschen befragt: Hat Wissensarbeit noch eine Zukunft? Und beglücken die Verheißungen digitaler Welten auch die Wissensarbeiter – im Sinne des gehypten New Work? Oder trifft das Gegenteil zu, ein Taylorismus, der mit digitaler Schlagkraft zurückkommt und die Weichen nicht auf Selbstorganisation, sondern auf Kontrolle stellt?

Selbstverantwortung vs. Hierarchie: ein großes Spannungsfeld

In unserer beidhändig-komplexen Welt ist die Wahrnehmung der befragten Wissensarbeiter über die Digitalisierung konsequenterweise geteilt. Auf der einen Seite stehen die positiv gestimmten Wissensarbeiter, die finden, vieles weise in Richtung Selbstverantwortung, Vertrauenskultur und eines höheren Freiheitsgrades. Dem entgegen steht eine ähnlich große Gruppe an Wissensarbeitern, die das Gegenteil konstatiert: Sie konstatiert gestärkte Hierarchien, perfektionierte Anreiz- und Kontrollsysteme sowie straffere Prozesse, Regeln und Vorgaben. Recht einig sind sich beide Gruppen nur in einem Punkt: Räumlich wie zeitlich flexibles Arbeiten und die virtuelle Zusammenarbeit haben sich in den letzten Jahren dank der Investitionen in entsprechende Technologien spürbar verbessert. Immerhin.   

Dass digitale Technologien für eine höhere Produktivität sorgen, darüber ist sich die Mehrheit der Befragten ebenfalls einig. Genauso wie über den Preis, den sie dafür zahlt: Die Arbeitsverdichtung und zunehmende Komplexität werden mit erhöhtem Leistungsdruck und einer stärkeren Arbeitsbelastung verrechnet. Wie die Wissensarbeiter mit dem Druck umgehen und ihn bewältigen? Da tut sich wiederum eine Kluft auf, die bei dieser Frage zwischen Freiberuflern und Festangestellten verläuft. So setzen Freiberufler auf den Ausbau ihrer fachlichen Netzwerke und Investments in ihre Weiterbildung, während sich Festangestellte ins Private zurückziehen und ihrer Work-Life-Balance frönen.

Eigenverantwortung nur mit entsprechenden Strukturen möglich

Bleibt mir noch, die Klammer zu meinen obigen Überlegungen zu schließen. Hier gibt es gute Nachrichten für Wissensarbeiter. Denn eine breite Masse befürchtet nicht, dass sie die Digitalisierung hinwegschwemmt. Gleichwohl hält es mehr als die Hälfte für wahrscheinlich oder wenigstens möglich, dass sie künftig mit Maschinen und digitalen Lösungen interagieren wird. Was dies auf lange Sicht für Wissensarbeiter und ihr Selbstverständnis bedeutet, häufiger mit Maschinen und schwarzen Boxen als mit Menschen zu interagieren, ist eine äußerst spannende, gleichwohl bis auf Weiteres unbeantwortete Frage. In diesem Punkt bleibe ich aber Optimist: Menschen und ihre Kooperation, ihre Interaktion machen den entscheidenden Unterschied aus, nicht die Klaviatur digitaler Technologien. 

 

PS: Danke, lieber Andreas Stiehler, es war immer ein großes intellektuelles Vergnügen, mit dir gemeinsam Studien anzugehen. Wir bleiben Freunde und Wissensarbeiter im Geiste.

Über Frank Schabel

Frank Schabel ist selbstständiger Management- und Strategieberater im Spannungsfeld Marke, Kommunikation und HR. Zuvor verantwortete er jahrelang Marketing- und Corporate Communications-Abteilungen von namenhaften B2B-Unternehmen.

Neben seiner Beratungsfunktion ist Frank Schabel zudem als Moderator und als Speaker zu den Themen Arbeitswelt, Führung, Lernen und Kommunikation erfolgreich.

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