© olly - Fotolia.com
Passend zu unserem aktuellen HR-Report 2014/2015 mit dem Schwerpunkt Führung konnten wir HR-Urgestein Thomas Sattelberger als Referenten für unser aktuelles Hays-Forum gewinnen. Ich möchte Ihnen heute einen kurzen Überblick über seinen Vortrag geben.

Herausforderungen für unseren Arbeitsmarkt

Welche Thesen und Herausforderungen sieht der ehemalige Personalvorstand der Telekom für die deutsche Wirtschaft und unseren Arbeitsmarkt? Auf dem Hays-Forum macht er einen rhetorischen Rundumschlag. Lektion Nr. 1: Das „Maschinenhaus“ Deutschland kann auf Dauer nicht gegen das „Maschinenhaus“ China bestehen. Sattelberger sieht Deutschland in diesem Kontext disruptiv bedroht. Wir sind nicht mehr das Land der Basisinnovation, sondern der Effizienzinnovation. Diese Effizienzinnovation liefert jedoch kein nachhaltiges Wachstumspotenzial, insbesondere im Bereich der nachgelagerten Produktionswirtschaft. Eine Negativformel also: Schlechte Innovationswirtschaft zieht eine schwächelnde Produktionswirtschaft nach sich. Wir sind laut Sattelberger quasi gefangen in einer Sandwich-Situation, von unten bedroht durch die sogenannten Emerging Countries (China, Indien etc.) und von oben bald abgehängt durch die Innovationsführer, allen voran das Digital House USA. Lektion Nr. 2: Industrie 4.0 ist aktuell in aller Munde, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. grafik1Für den HR-Dino ist sie ein zu starres Konzept, korsetthaft, unterwegs auf durchschaubaren Pfaden. Vergleichbar mit den Automatisierungstendenzen der letzten Jahrzehnte, jetzt eben nur vernetzt. Intelligenter als das „Internet der Dinge“ sind aus seiner Sicht völlig neue „Smart Services“, welche das Potenzial besitzen, die heutige Realwelt aufzubrechen (vgl. uber.com). Lektion Nr. 3: Besonders skeptisch ist der ehemalige Personaler, wenn es um die Fähigkeiten der deutschen Manager geht. Nur 4 Prozent verfügen über eigene unternehmerische Erfahrungen. Düster sieht es auch in der deutschen Start-up-Kultur aus. Es steht viel zu wenig Fördergeld zur Verfügung, egal ob es öffentliche oder private Mittel sind. Auch wenn man in Städten wie Berlin manchmal einen besseren Eindruck davon gewinnt. Aber mit Unternehmen wie Zalando, die zwar stark gewachsen sind, aber keine Innovationen bringen, kann man im internationalen Wettbewerb keinen Blumentopf gewinnen, wenn in den USA in wenigen Jahren eine Firma wie Tesla ein serienreifes Elektrofahrzeug auf den Markt wirft und damit die etablierten Automobilkonzerne angreift. Das Google-Car mit autonomem Fahrkonzept ist technologisch bereits auf der Überholspur. Ist „Made in Germany“ bald old-fashioned? Lektion Nr. 4: die deutsche Führungskultur und -qualität. „Sowohl im Mittelstand als auch in den Konzernen ist diese unterdurchschnittlich. Das Steuern nach Zahlen ist doch Schnee von gestern.“ Er nennt sich selbst einen „Überzeugungstäter der Chefetage“ und gibt zu, dass er sich persönlich jahrzehntelang in seinen Konzernfunktionen auf führungstechnischen Irrwegen befunden hat. In der Zukunft sieht er die Notwendigkeit zu mehr Autonomie und Selbstverantwortung der Belegschaft oder gar einer organisationalen Demokratisierung. Als ein Extrembeispiel möchte ich hier auf den amerikanischen Spieleentwickler ValveSoftware verweisen, welcher aufgrund einer weitestgehenden Abwesenheit von Führung ein eigenes Mitarbeiterhandbuch zur Verfügung stellt. Lektion Nr. 5: „Wo bleibt die soziale Innovation?“ fragt der ehemalige Personalmanager. Eines der wenigen optimistischen Szenarien aus seiner Sicht, grafik2welches dringend zu ergreifen ist, um dem Dilemma zu begegnen. Technische Innovationen können nur in Organisationen entstehen, welche die sozialen Grundlagen dafür schaffen oder, anders gesagt, die Erfindungsbereitschaft in der Belegschaft als Basiswert etablieren. Es geht ihm um die New Work-Modelle, in welchen Teilhabe und Souveränität der Mitarbeiter Innovationsräume schaffen, wie sie beispielsweise bereits seit langem bei der Firma 3M gelebt werden und von Google erfolgreich weiterentwickelt wurden.

Fazit: Wir brauchen echte Innovationen mit Mut zur Veränderung

Sattelberger ist ein Provokateur und leidenschaftlicher Redner mit hoher Intensität. Er stellt seinem Publikum viele kritische Fragen, welche alle berechtigt sind, liefert jedoch selbst meist zu wenige Antworten. Dabei wirkt er auf mich trotz aller Sympathie leider allzu oft pessimistisch und desillusioniert. Für mich ist seine wichtigste Botschaft dennoch aufrüttelnd: nämlich dass wir uns in Deutschland nicht auf dem wirtschaftlichen Erfolg und den Managementprinzipien der Vergangenheit ausruhen dürfen. Wir brauchen echte Innovationen, sowohl im technologischen Feld als auch auf der sozialen Ebene. Es gilt gleichermaßen, die Potenziale in der Führungsarbeit zu heben. Auch die Politik muss mitspielen und die Rahmenbedingungen des digitalen Wandels beim Umbau der Arbeitswelt aktiv mitgestalten und darf nicht in den Paradigmen der alten Industriegesellschaft verhaftet bleiben. Folien zum Vortrag

Kleiner Nachtrag

Zum Berliner Hays-Forum fragte ich den BMAS-Insider zu seinem Blick auf die aktuellen Regulierungstendenzen von Frau Nahles bezüglich Zeitarbeit und Werkverträgen. Sattelberger, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und laut eigener Aussage keinem Parteibuch folgt, wählt deutliche Worte: „Wir müssen aufhören in Deutschland eine Arbeitsmarktpolitik für das Prekariat zu machen. Es wird Zeit, dass wir uns in Deutschland auf den Arbeitsmarkt der Zukunft ausrichten!“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel