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Beim Recruiting von Fach- und Führungskräften steht immer öfters die Frage: Generalist oder Spezialist? Innerhalb eines bestimmten Funktionsbereichs, wie zum Beispiel im Sales & Marketing oder im IT-Umfeld, kann es sich für Unternehmen als durchaus fruchtbar erweisen, auf die Umsichtigkeit von Generalisten zu setzen.

Generalisten: keine Alleskönner, aber Allesversteher!

Zehnkämpfer und Siebenkämpferinnen gelten als Könige und Königinnen der Leichtathletik. Doch es gibt auch Stimmen mit einem Verweis darauf, dass Mehrkämpfer zwar viele Disziplinen, nur eben keine davon perfekt beherrschen.

Für Führungskräfte eines Unternehmens wäre dieser Anspruch ohnehin übertrieben. Generalisten müssen über die Details lediglich so viel wie nötig wissen, um so effektiv wie möglich ihre Rolle zu erfüllen. Als Coaches und Personalentwickler fördern und unterstützen sie bspw. die Karrieren der ihnen unterstellten Teammitglieder, als strategische Partner tragen sie erhebliche Mitverantwortung für die Ziele des Unternehmens. Daneben bewahren sie stets den Überblick über eine immer größer werdende Vielfalt an zunehmend komplexer werdenden Aufgaben im Tagesgeschäft.

Der aktuelle HR-Report 2019 belegt, dass dieser Forderungskatalog an qualifizierte Führungskräfte mit „generellen“ Fähigkeiten auch in Zeiten der großen digitalen Transformation Bestand hat.

Dass IT-Expertise ebenfalls zunehmend an Bedeutung gewinnt, überrascht nicht. Zu beachten ist aber gerade im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung, dass das hierfür notwendige Spezial-Know-how bei vielen Unternehmen nach wie vor extern hinzugekauft wird – eben dann, wenn ein Unternehmen nicht primär selbst im Softwarebereich, in der Robotik oder in KI-Projekten tätig ist.

IT-Spezialisten, egal ob in leitender Funktion einer Fachabteilung oder projektweise als IT-Freelancer beschäftigt, sind somit umso wertvoller für ein Unternehmen, je ausgeprägter sich ihre themenübergreifenden Kompetenzen darstellen.

Gerät der berufsunerfahrene Nachwuchs ins Hintertreffen?

Keineswegs! Absolventen haben gegenüber erfahrenen Generalisten andere Vorteile im Gepäck. Sie sind noch in alle Richtungen offen, was das Learning by Doing betrifft – nach einigen Jahren im relativ geschützten Raum der Theorie oder des recht risikofreien „Experimentierens“.

Frischer Wind, Veränderungsbereitschaft, Lust auf Neues, mehr Risikofreude – kreative Köpfe haben gegenüber rein „umsetzungs- und prozessorientierten Mitarbeitern“ die Nase vorn. Diese Tendenz passt gut zum Zündstoff, mit dem Deutschlands Industrien und Belegschaften unter dem Einfluss der vorpreschenden asiatischen Industrien und amerikanischen Dominanz im IT-Bereich befeuert werden.

Doch umsichtige und erfahrene Profis, die über den Tellerrand hinausschauen, haben hier und da bereits hinreichende Erfahrungen, wenn es ums Scheitern oder bspw. den Verzug eines Projekts geht. Vielleicht haben sie auch schon so manch verfrühte digitale Euphorie überstanden. Ein professioneller Generalist ist in aller erster Linie eins: ein erfahrener Pragmatiker, der (auch) aus Fehlern klug geworden ist und sich somit auch als Frühwarnsystem bezahlt macht.

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Der Vorteil von Generalisten: abhängig vom Funktionsbereich

Der direkte Vergleich von berufserfahrenen Generalisten mit Absolventen und Spezialisten gibt keinen Anlass für eine Schwarz-Weiß-Malerei. In der Industrie wird der Vorteil von Berufserfahrung etwas höher eingeschätzt als in Dienstleistungsbranchen oder im öffentlichen Sektor.

Wahrscheinlich würden sich bei branchenspezifischen Erhebungen noch deutlichere Verschiebungen bezüglich der Wertschätzung genereller Kompetenzen gegenüber fachlicher Expertise ergeben. Die entsprechende Gewichtung hängt auch stark vom Funktionsbereich einer zu besetzenden Position ab. Wer zum Beispiel erfolgreich Motoren, dann Maschinen und später Autos verkauft hat, dürfte sich auf Anhieb nicht schwer damit tun, nun in einer völlig anderen Branche seine Vertriebskompetenz einzubringen. Ein zu gewinnender Kunde bleibt ein Kunde – es wechseln nur die Themen.

Der Bereich Sales & Marketing ist somit bspw. prädestinierter als andere, vom Erfahrungsschatz eines Generalisten zu profitieren. Für Ingenieure und allgemein wissenschaftlich-technisch Berufe dürfte hingegen weniger Freizügigkeit herrschen, was den möglichen Quereinstieg in andere thematische Gefilde betrifft. Zudem ist auch der Wechsel in einen anderen Funktionsbereich gesondert zu bewerten. Kandidaten mit einer tiefen statt breit gefächerten Fachkenntnis könnten sich leichter damit tun, in eine andere Position als in eine andere Branche zu wechseln.

Der Vorteil von Spezialisten: So schnell macht ihnen keiner was vor

Ein ausgemachter Themen- oder Branchenspezialist besticht auf der anderen Seite durch tiefergehendes Wissen. Eben Spezialwissen, welches es nicht an jeder Ecke gibt. Und dieses kann durchaus ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.

Für Kandidaten heißt dies: Je weniger es Ihresgleichen gibt, desto höher ist Ihr Marktwert und desto kleiner Ihre Mitbewerber. Im Umkehrschluss heißt dies für Unternehmen jedoch: Solche Juwele sind rar und leider nicht an jeder Ecke zu finden. Das Problem des Fachkräftemangels also in einigen Branchen und Nischen.

Spezialist zu sein, heißt jedoch auch, ein hohes Maß an Eigeninitiative mitzubringen und sich ständig auf dem neusten Stand zu halten. Zudem wird ein Wechsel in ein anderes Themengebiet zunehmend schwieriger mit der Zeit.

Am Ende des Tages sollten Unternehmen sich genau überlegen, welche Aufgabe / Rolle begleitet werden soll: Bedarf es eines Spezialisten oder eines Generalisten für diese Aufgabe? Oder bietet sich manchmal eher der Zukauf des Know-hows bspw. durch freiberufliche Experten an.

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