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Manchmal finden Wörter ihren Weg in den Alltagsgebrauch, die mit einigen wenigen Buchstaben relativ komplexe Konzepte ausdrücken. Ein solcher Begriff ist „Hack“. Alle Mettbrötchenfans muss ich jetzt enttäuschen: Damit ist kein pulverisiertes Schweine- oder Rindfleisch gemeint. Ein Hack umschreibt eine kreative Lösung für ein bekanntes Problem. Oder auch eine völlig neue Herangehensweise, mit der die Grenzen einer bekannten Lösung ausgelotet werden. Das Internet ist voll von Life Hacks („So ärgern Sie sich nie wieder über leere Wurstbrotecken“) und Business Hacks („Create multiple user accounts for a shared iPad“). Zugegeben, hier findet sich oft nichts, was man nicht früher auch schon unter der Rubrik „Die 10 besten Tipps zum Überleben im Alltagsdschungel“ gefunden hätte. Aber heute nennt man so etwas eben einen Hack.

"Die Tugenden der Deutschen"

Kürzlich fand ich dazu einen Blogbeitrag auf der amerikanischen Plattform Knote.com – spezialisiert auf „Productivity Hacks“. Unter dem schönen Titel „Why Germans work fewer hours but produce more: A study in culture“ wurde hier die deutsche Arbeits-, Alltags- und Gesellschaftskultur in den höchsten Tönen gelobt. Wer meine Blogbeiträge verfolgt, weiß vermutlich, dass auch ich gelegentlich ganz gerne das eine oder andere Klischee aus dem Hut zaubere, um meinen Standpunkt deutlich zu machen. Aber was ich hier las, hat mich dann zeitweilig schon schmunzeln lassen, so sehr wurden hier die deutschen Tugenden gepriesen. Und neben einer inhaltlich korrekten Darstellung der deutschen Regelungen zu Elternzeit und Elterngeld fanden sich dann auch Aussagen wie „Facebook während der Arbeitszeit zu nutzen ist in Deutschland verpönt“. Und angeblich haben wir auch keine Kultur des kollegialen Kaffeetrinkens – es wird in den 35 Stunden, die wir pro Woche arbeiten, stramm durchgearbeitet. Keine Zeit für Ablenkungen oder Smalltalk. Dafür sitzen wir aber nach der Arbeit auch nicht faul auf dem Sofa vorm Fernseher. Wir gehen alle in den Sport-, Gesangs- oder Taubenzüchterverein. Hmm…

Klischees und Realität

Ich habe dann (nachdem ich einen kurzen Plausch in der Kaffeeküche gehalten hatte) den Beitrag noch mal in Ruhe gelesen und versucht die darin enthaltenen wesentlichen Aussagen herauszufiltern. Ja, aus meiner Sicht stimmt es, dass wir eine sehr produktivitätsorientierte Arbeitskultur haben. Aber es arbeiten längst nicht alle Deutschen nur 35 Stunden pro Woche, und die, die das tun, sind auch nicht zwangsläufig produktiver als jene mit 40+ Wochenstunden. Ja, unsere direkte Kommunikationskultur erspart uns oft langes Gerede um den heißen Brei. Aber in meinem Umfeld ist Smalltalk weder verpönt, noch sind wir besonders schlecht darin. Ja, ein Leben außerhalb der Arbeit ist wichtig, Freunde, Freizeit und Urlaub haben einen hohen Stellenwert. Aber zumindest bei Hays ist es durchaus keine Seltenheit, mit den Kollegen nach der Arbeit noch auszugehen, und eine strenge Trennung von Arbeit und Freizeit findet nicht immer statt. Ja, die gesetzlichen Regelungen für Eltern sind besser als in anderen Ländern. Aber trotzdem ist es für die meisten Mütter (und viele Väter) eine große Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Auch wenn ich einige der Aussagen für mich etwas relativieren musste, habe ich mich dann trotzdem über die ultimative Productivity-Hack-Empfehlung des Blogs gefreut: Put some German in your office! Und damit ist nicht gemeint einen einsamen deutschen Arbeitnehmer in jedes amerikanische Büro zu setzen. Sondern sich ein Beispiel zu nehmen, fokussiert zu arbeiten, direkt zu kommunizieren und auf eine ausgewogene Work-Life-Balance zu achten. Und das kann ich in jedem Fall so unterschreiben.

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