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Es gibt einige Gründe, weshalb Unternehmen in den letzten Jahren mehr Demokratie wagen. Zum einen aus schlicht ökonomischen Erwägungen: Agile und sich selbst organisierende Teams sind oft die bessere Antwort auf schnelllebige Märkte als die von A bis Z durchregulierten Tanker. Zum anderen wirkt sich der Wertewandel in der Gesellschaft auf die Arbeitswelt aus.

Menschen möchten teilhaben und mitbestimmen – erst recht, wenn sie im Kontext der demografischen Entwicklung um ihren Marktwert wissen.

Alte Führungsmuster in einer neuen Welt

Spannend wird es, wenn die neue Welt auf alte Führungsmuster stößt. Auf Führungskräfte, die nicht wirklich handeln und kommunizieren, sondern nach wie vor kontrollieren, nicht loslassen können. Und die es gewohnt sind, ihren Führungsstiefel durchzuziehen, ohne auf ihr Gegenüber und dessen Individualität zu achten. Es sind genau diese drei Punkte, die sich in unserem HR-Report als die größten Stolpersteine für Führung herauskristallisiert haben. Eigenschaften, die einer agilen Welt diametral entgegenstehen.

Natürlich muss sich Führung an die agile Welt anpassen, sollte es nicht zu einem kulturellen Crash kommen. Aber das lässt sich leicht sagen, jedoch nur schwer realisieren. Denn Führung ist Macht, ist Reputation, sorgt für Wertschätzung – das alles tut dem eigenen Ego gut. Menschlich, allzu menschlich. Nur hilft uns das bei den Herausforderungen in einer Welt, die sich immer schneller dreht, nicht weiter.

Führung hat viel mit innerer Haltung zu tun

Was nun, was tun? Zuerst – und das gilt für vieles – an der eigenen Haltung arbeiten. Es ist ohnehin ein Muss für Führungskräfte, stets über die eigene Rolle zu reflektieren. Drunter geht es nicht. In einer agilen Welt gilt es, dem Kontrollmodus Tschüs zu sagen. Mitarbeiter wissen selbst, wie sie ihre Ziele am besten erreichen. Eigenverantwortlichkeit fördern und Selbstorganisation ermöglichen – nicht umsonst stehen diese Themen auf der Anforderungsagenda für agile Führung ganz oben, wie unser HR-Report aufzeigt.

Also weg mit dem Kontroletti, her mit dem Coach, einer Führungsrolle, die vor allem eines im Blick hat: Mitarbeiter zu entwickeln. Und das heißt schlicht, viel zu kommunizieren. Wie antwortete del Bosque, der Ex-Coach der spanischen Fußballnationalmannschaft, sinngemäß in einem Interview auf die Frage, wie viel Zeit die Kommunikation mit seinen Spielern in Anspruch nehme? 50 Prozent – nein, noch mehr.

Alter Führungsstil hat ausgedient

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Führung und Storytelling: eine gute Kombination

Kommunikation heißt für Führungskräfte nicht nur, sich ständig mit Menschen und Teams auszutauschen. Sie beinhaltet auch, eine große Geschichte zu erzählen, die Sinn stiftet, die jedem Menschen aufzeigt, welchen Beitrag er zum Gesamterfolg leistet. Das ist, was wir im Marketing so schön als Storytelling bezeichnen. Leitplanken zu setzen und das große Ganze aufzumalen wird in sich stärker selbst steuernden Teams zu einer Kernaufgabe von Führung.

Warum trotz dieser breiten Diskussion über ein neues Führungskonzept noch so viele Führungskräfte in der Tradition der alten Welt verharren, darauf gibt unser HR-Report eine Antwort. Immer noch gibt die fachliche Kompetenz eher als die sozialen Fähigkeiten den Ausschlag, wenn Führungskräfte ausgewählt werden. Natürlich lassen sich die Hard Skills besser erfassen und messen. Aber das hilft nicht weiter, wenn sich die Fachexperten in ihrer Führungsrolle dann auf ihr angestammtes Terrain, ihre Fachlichkeit, fokussieren. Nur: In einer agilen Welt entscheiden die Teams selbst, wie sie ihre Themen angehen.

Vielleicht bietet uns die Scrum-Methode ein interessantes Muster. Grob gesagt wird in Scrum-Projekten zwischen der fachlichen und der menschlichen Seite differenziert. Es gibt inhaltliche Owner und soziale Kümmerer, die das Wohl der Projektakteure im Blick haben. In diesem Sinne übernimmt eine Führungskraft in der agilen Welt immer stärker die sozial-menschliche Rolle. Das Fachliche klären die Teams selbst.

Ich freue mich über einen Austausch mit Ihnen.

Kommentare


  1. Mario

    Hallo & guten Tag, sehr geehrter Herr Schabel,

    Ihren Beitrag habe ich mit großem Interesse gelesen.

    Führung ist Haltung und – da gehe ich noch einen Schritt weiter – Handwerk. Will ich die Dienstleistung „Führung“ sinnstiftend und empfängerkonform erbringen, benötige ich viel Aufmerksamkeit und eine große Portion persönliches Engagement, denn es kommt eben auch sehr darauf an, wie es ankommt.

    Viele Chefs der „alten Welt“ sehen Führungsaufgaben als kleinen Rucksack, den man locker-flockig über der Schulter trägt und überall mit hinschleppen kann. Dabei wiegt die Verantwortung als Führungskraft schwer und sollte im Vergleich zu den Aufgaben aus dem Tagesgeschäft mindestens 50% der Ressource Zeit beanspruchen. Ich bin überzeugt, dass Wertschöpfung in der heutigen Welt nur dann nachhaltig entsteht, wenn sie aus authentischer Wertschätzung erwächst.

    Warum?

    Wie sonst können Sie von Mitarbeiter/innen das erhalten, was mit Geld und sonstigen externen Anreizen nicht zu (er)kaufen ist – gemeint ist: Kreativität, Ideenreichtum, Freundlichkeit, Engagement, etc.

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    1. admin

      Hallo Mario,

      danke für Ihr Feedback. Ich möchte auf drei Punkte eingehen.

      Mit der mangelnden Zeit für Führungsaufgaben sprechen Sie einen sehr sensiblen Punkt an. In unseren empirischen Erhebungen ist dies mit der sensibelste Punkt bei Führung. Und Zeit meint vor allem eines: Kommunikation, Kommunikation …

      Führung ist spannend, aber nichts, was mit der linken Hand geht. Mal hier, mal da. Bin ich bei Ihnen. Es geht um soziale Beziehungen zu anderen Menschen, die ihr Berufsleben prägen. Das sollte Führungskräften immer bewusst sein. Mir gelingt es mit zunehmendem Alter immer besser, aber ich kann noch vieles besser machen. Siehe oben.

      Zu Handwerk und Haltung: ich würde es so sagen: Führungskräfte wirken dann positiv, wenn sie echt sind. Oder wie es so schön heißt authentisch. Das setzt ein hohes Maß an innerer Führung voraus. Wenn diese Haltung nicht echt wirkt, nutzt das beste Handwerk nicht. Aber in guten stehen Handwerk und Haltung im Einklang. Dann läuft es rund.

      Gruß
      Frank Schabel

      Antworten
  2. Siegfried Betke

    In einer digitalen Welt stellt sich die Frage ob unser Denken in Strukturen und Prozessen noch konform geht mit den Anforderungen von Digitalisierung und Industrie 4.0. Wenn man in die Zukunft denkt dann kommt die Frage auf; Wie viele fachliche Führungskräfte werden noch benötigt und wie sieht der Arbeitsplatz aus der die alten Führungskräfte ersetzt? Wie schon in früherern Digitalisierungsschritten wird auch hier der Arbeitsmarkt umgedreht. Der kurzzeitige Dienstleistungseinsatz könnte die Arbeit von Morgen abbilden und ein Heer von Selbstständigen braucht keine fachliche Führung, sie werden für ihre fachliche Arbeit bezahlt. Welche fachliche Führung bzw Führung benötigt ein Shoppingcenter mit Humanoiden usw.

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    1. admin

      Hallo Herr Betke,

      es gibt viele Gründe, kritisch auf die aktuellen Entwicklungen zu blicken. Das tue ich auch. Für mich geht es im Kern um die Frage, wer die Digitalisierung steuert: Etwas grob gesagt Unternehmen aus dem Silicon Valley oder Gesellschaften über ihre Steuerungsinstrumente. In jedem Fall ist die Zukunft nicht ausgemacht. Ich wage mehr denn je keine Prognose, was kommt. Vieles ist denkbar und meist gibt es vielschichtige Entwicklungen, keine lineare.

      Gruß
      Frank Schabel

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  3. Gerhard.petschat@web.de

    Grüße Sie, spannende Diskussion. Aus eigener Erfahrung muss ich berichten, dass agiler Führungsstil und Storytelling zwar wunderbare Instrumente sind, aber zumindest in meinem Umfeld fast zwangsläufig die gestalterischen Grenzen (und damit Ressourcen) des Auftragsrahmens strapaziert wurden. Ich bin aktuell für mich noch nicht im Klaren, wie offen dieser für agiles Arbeiten sein darf, ohne eine Fokussierung auf Ziele zu verlieren. Ist der klassische Projektauftrag mit Ziel, Budget und Zeitvorgabe obsolet? …und damit auch die Rollen, die die Erreichung sicherstellen sollen? Irgendwo sind sie, die Grenzen der zugeteilten Kompetenzen und spätestens dort werden die klassischen Führungsmethoden wirksam werden. Und ein Storyteller, der die Ideen seines Teams nicht mit Gestaltungskraft und -Kompetenz untermauern kann, wird schnell zur Luftnummer. Lasse mich gerne von innovativen Ansätzen überzeugen und gehe als Azubi in Sachen agile@org-entwicklung mit ins Projekt.

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    1. admin

      Hallo Herr Petschat,

      Ihre Einwände – was soll ich sagen: Sie beschäftigen mich genauso. Ich habe auch keine Antwort darauf. Wir leben in hybriden Welten, in Doppeldeutigkeiten. Das ist nicht einfach zu steuern. Erst recht nicht als Führungskraft mit dem Wunsch nach mehr Agilität, denn da sind sie ja noch in ein größeres System eingebunden. In unserer neuen Studie zum Thema Spannungsfeld Agilität und Effizienz kommt – erscheint im September – kommt klar raus, dass hier einiges nicht im Lot ist. Unsere Antwort: keine Lösung in Sicht, aber mit dem Wunsch, mehr zu experimentieren.

      Frank Schabel

      Antworten

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