© Rido – Fotolia.com

Zu vielen Themen haben wir unsere eigene Meinung. Oft basiert sie auf unserem Bauchgefühl. Da es bekanntlich nicht trügt, sind wir uns sicher, dass wir richtig liegen – und finden jede Menge subjektiv zurechtgelegte Argumente, die dann – leider nicht selten – in Richtung Rechthaberei laufen.

Bei dem Hype-Thema agile Organisation, das derzeit in sozialen Netzwerken in jeder Klaviatur gespielt wird, hätte ich gefühlt gesagt: Das sind zum Teil Sandkastenspiele von selbsternannten Evangelisten und von Unternehmensberatern, die eine neue Sau durch die Organisation ihrer Kunden jagen möchten.

Immerhin habe ich gelernt, mich nicht als den Nabel der Welt zu betrachten und meine Haltungen kritisch zu durchdenken, empirisch gewonnene Daten mag ich auch. Nicht dass Sie denken, ich setze sie absolut. Aber ich nutze sie im Sinne des gerade Gesagten, um meinen Standpunkt zu hinterfragen.

Agile Organisationen spielen schon heute eine große Rolle

Und siehe da, meine Klischees zur agilen Organisation sind zumindest empirisch kaum haltbar. Unser diesjähriger HR-Report offenbart ein anderes Bild – und für ihn haben wir immerhin über 1.000 Menschen befragt. Für genau die Hälfte hat die agile Organisation schon heute eine große oder gar sehr große Bedeutung. Ich gebe unumwunden zu, das hat mich verblüfft. Ich hätte die Größenordnung vielleicht bei einem Viertel angesiedelt, da ich Organisationen seit Jahrzehnten Trägheit unterstelle.

Schauen wir in die Tiefen der Datenschätze, wird das Bild trennschärfer: Je höher die Position des Befragten, umso wichtiger ist ihm die agile Organisation. Logisch, Seniormanager mögen eine Struktur, die sich rasend schnell an neue Marktgegebenheiten anpasst. Auch für die großen Unternehmenstanker ist die agile Organisation wichtiger als für kleine Mittelständler. Das liegt auf der Hand: Konzernen bleibt bei all ihren Regelungen und Prozesshandbüchern ja kaum mehr Luft zum Atmen.

Stolpersteine bei agilen Organisationen

© Pran stocker room – Fotolia.com

Stolpersteine auf dem Weg zu einer agilen Organisation

Daher ist es nicht verwunderlich, dass der agilen Organisation vor allem eine Hürde den Weg in bewegliche Räume versperrt: Prozesse und Abläufe sind schlicht zu starr. Wer anderes behauptet, unterschätzt, wie sehr es zum Spiel von Organisationen gehört, um sich selbst zu kreisen und Prozesse zu gebären. Das – gebe ich zu – war jetzt eine Bauchantwort.

Die zweitwichtigste Blockade ist übrigens die mangelnde Bereitschaft zu Veränderung unter den Mitarbeitern. Das lässt sich schön mit einer großen Geste ankreuzen: In fast allen unserer Studien der letzten Jahre lag dieser Punkt weit oben. Ich frage mich dann immer: Wie ist es um die Bereitschaft zur Veränderung von Führungskräften bestellt? Hannemann, geh du voran, du hast die größten Stiefel an – sollten Führungskräfte also nicht als leuchtendes Beispiel voranschreiten?

Beim letzten Punkt, den ich ihnen vorstellen möchte, schlug mein Bauch wenigstens im gleichen Takt wie die Empirie. Wir haben nach dem Spannungsfeld zwischen Linien- und agiler Organisation gefragt. Wer das hautnah miterlebt, kennt die Unwucht in diesem Verhältnis. Was hier unbedingt zu klären ist, sind die Verantwortlichkeiten: Wer trägt die Personalverantwortung, wenn Mitarbeiter auch in Projekten aktiv sind? Wie lassen sich die Linienaufgaben mit der Projektarbeit arrangieren – was hat Vorrang? Das sind nur einige der anstehenden Fragen.

Reichen neue Strukturen allein aus?

Ob es hier hilft, vorhandene Prozesse und Strukturen neu auszurichten, wage ich zu bezweifeln. Aber der Punkt belegt auf der Agenda der Spannungsfelder Platz 2, dicht gefolgt vom Thema Vertrauen. Letzteres wäre übrigens mein Favorit gewesen, an dem es zu arbeiten gilt. Aber zugleich ein vermintes Terrain, denn Vertrauen ist ein scheues Reh.

Also werden viele Unternehmen mangelndes Vertrauen über neue Prozesse und Strukturen regeln. Anstatt kulturelle Impulse zu setzen und sowohl Mitarbeitern als auch Teams mehr Raum für Selbstorganisation zu geben. Das sagt jetzt rein meine Intuition. Aber die hat bekanntlich recht.

PS: Unsere nächste Studie beschäftigt sich genau damit, nämlich mit dem Spannungsfeld zwischen Linienorganisation und agilen Strukturen.

Alle unsere bisherigen HR-Report finden Sie auch in unserem neuen Archiv.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel