A large amount of bills spread all over the place with hand asking for help
Reisen Sie gern? Ich tue das für mein Leben gern, sowohl beruflich als auch privat. So mancher Kollege schüttelt verwundert den Kopf, wenn ich wieder einmal begeistert von einem Wochenendtrip oder einer Urlaubsreise erzähle, und fragt mich ob, mir meine ca. 80 Prozent Reisetätigkeit während der Arbeitszeit noch nicht reichen. Klare Antwort: nein. Denn egal wo ich bin oder wen ich kennenlerne, es gibt immer etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Das ist nie langweilig und wird mir auch nie zu viel.

Klischees über Deutsche

Manchmal aber wird man auf Reisen urplötzlich mit dem Bild konfrontiert, das sich andere Nationen von uns Deutschen machen. Und dann frage ich mich immer: Ist da ein Körnchen Wahrheit verborgen? Erfüllen wir wirklich diese Klischees? So geschehen letzten Montag: Ich hatte in unserem Kopenhagener Büro zu tun. Da man seit meinem letzten Besuch in neue Räumlichkeiten gezogen war, bekam ich von einer Kollegin die große Führung. Ganz am Ende kamen wir zum größten Besprechungszimmer, das offensichtlich vor kurzem seinem Daseinszweck gemäß genutzt worden war und entsprechende Gebrauchsspuren aufwies. Eilig fing die Kollegin an Ordnung zu machen, hielt dann plötzlich inne, wechselte vom Englischen ins Deutsche und sagte mit charmantem dänischen Akzent: "Ordnung muss sein!"

I have never met a funny German before

Während ich so dabei war, alle Besprechungszimmerstühle wieder in Reih und Glied aufzustellen (gleichmäßiger Abstand, Lehnen parallel zur Tischkante), fragte ich mich, ob uns dieser Satz wirklich zutreffend charakterisiert. Vielleicht nicht in Bezug auf die Aufgeräumtheit unserer Büroräume – da habe ich bislang international keine großen Unterschiede feststellen können. Betrachtet man aber beispielsweise Besprechungen mit internationalem Teilnehmerkreis, lassen sich schon deutliche Tendenzen feststellen. Die Deutschen sind in der Regel gut vorbereitet, strukturiert und pünktlich. Sie neigen aber durchaus dazu, sehr detailverliebt zu diskutieren, und sind nicht immer offen für pragmatische Lösungen – das passt nicht zu ihrem Anspruch auf Perfektion. Und als ein deutscher Kollege und ich neulich in einer Meetingpause ausgiebig blödelten, stellte ein belgischer Teilnehmer überrascht (und lachend) fest: "I have never met a funny German before!" Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, erübrigt sich meiner Meinung nach. Es ist. Und egal wie viel wir reisen oder wie sehr wir es gewohnt sind, international zu arbeiten, unsere grundsätzliche Prägung verlieren wir wohl nie so ganz. Oder bemühe ich hier zu sehr abgedroschene Klischees? Über Ihre Meinungen und Erfahrungen dazu würde ich mich sehr freuen!

Kommentare


  1. Frank Stephan

    Hallo Frau Beeger,

    mir selbst ist die Lust am Reisen im Laufe der Jahre abhanden gekommen, bis zu 60 tsd. Kilometer im Jahr auf Deutschlands Autobahnen und in Kilometerlangen Staus haben ihre Spuren hinterlassen, doch genug davon, es ging im Kern ja um etwas Anderes.
    Deutsche sind im Ausland wegen ihrer Gründlichkeit als Mitarbeiter sehr gefragt, auch was die Qualifikation angeht, stehen wir hoch im Kurs, doch geht es um gesellschaftliche Belange, wie einen Umtrunk nach Feierabend, oder einen Kegelabend … da sind wir eher das Schlusslicht.
    Nun ja, wenn wir uns mal selbst kritisch betrachten, sind wir wohl ein relativ verschlossens Volk, ein jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht, wer sich sozial engagiert wird eher mit einem müden Lächeln bedacht, wenn nicht sogar argwöhnisch betrachtet. Wir reden viel von Verbesserungen, doch die Umsetzung, … wo bleibt die?
    Schauen wir in andere Länder, z.B. Dänemark … hier ist ein Auto ein Luxusobjekt und wird entsprechend besteuert, Kinder, Familie und ein Eigenheim hingegen stehen hoch im Kurs. Hierzulande steht das Auto bei vielen höher im Kurs als die Familie.
    Anders betrachtet, steigt die Zahl derer, die bis in die 40er kinderlos bleiben, denen die Karriere über allem steht und die dann erst, wenn es im Beruf kaum noch nach oben geht, an Familie denken. Wir denken erst um, wenn die Rente nicht mehr finanzierbar ist, dann kommt die Frage auf, wo sind die Kinder, die das bezahlen?
    Ist es unter solchen Voraussetzungen verwunderlich, dass man uns im Ausland eher als Nummern in einem großen Zahlenwerk sieht, denn als Menschen mit Herz und Humor?

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    1. Anna BeegerAnna Beeger

      Moin Herr Stephan!

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Die gesellschaftlichen Tendenzen die Sie ansprechen kann ich zum Teil nachvollziehen. Auch ich habe die Erfahrung gemacht dass im europäischen Ausland, insbesondere wenn wir Richtung Skandinavien schauen, das vielzitierte Thema Work-Life-Balance spürbar mehr in Richtung „Life“ tendiert als man es aus Deutschland gewohnt ist. In Norwegen hatte ich z.B. das Erlebnis dass ein Lieferant einen durchaus wichtigen Kundentermin absagte – das Schulkonzert des Kindes um 16.00 war einfach wichtiger. Und der Kunde hatte dafür auch vollstes Verständnis. In Deutschland tatsächlich nur schwer vorstellbar.

      Dennoch erlebe ich immer wieder dass uns im Ausland neben dem großen Respekt für die „deutsche Gründlichkeit“ auch sehr viel Sympathie und Wohlwollen entgegengebracht wird, sowohl auf der Makroebene als auch im zwischenmenschlichen Bereich. Das funktioniert aber natürlich nur wenn alle Seiten sich gegenseitig mit toleranter Offenheit begegnen. Und auch in Deutschland läßt sich meiner Meinung nach durchaus ein Trend hin zu „mehr Herz, weniger Hirn“ beobachten, ohne dass uns dabei ein kollektiver Zacken aus der Krone fällt…

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  2. Corinna Hessler

    Hallo,

    auch ich kann diese Erfahrung nur bestaetigen. Seit 6 Wochen arbeite ich in einem franzoesischen Unternehmen in Paris und immer noch bin ich jeden Tag aufs Neue ueberascht wie gross die Unterschiede zwischen „uns“ und unseren franzoesischen Nachbarn sind.

    An meinem ersten Arbeitstag beispielsweise war ich puenktlich um 9 (eine ohnehin spaete Anfangszeit fuer mich) vor der Tuer des Bueros und stellte fest… ich war die ERSTE. Aehnliches zeigte sich bei woechentlichen Meetings, zu denen einige gar nicht erschienen, sondern flexibel entschieden, ob sie den Termin wahrnehmen moechten. Fuer mich bis dato ein Ding der Unmoeglichkeit an einem Teammeeting ohne Kommentar nicht teilzunehmen.

    Zustaendigkeiten werden anders definiert, Hierarchien anders gelebt und das alles in nur 3.5 ICE-Stunden Entfernung.

    Viele Gruesse aus Paris an das Hays Team,
    Corinna Hessler

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  3. DJung

    @Corinna Hessler

    Ich habe selbst auch 3 Jahre in Frankreich gearbeitet. Kurz vor meinem ersten Banktermin rief ich nocheinmal an, um mitzuteilen das ich mich wahrscheinlich um 5-10 Minuten verspäten werde(Termin lag bei 16:00 Uhr).. Der franz. Bankkollege war etwas verwundert, denn er hätte sowieso erst ab 16:15 Uhr mit mir gerechnet. Er sagte in Frankreich ist das normal 😉

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  4. Frank Stephan

    Hallo Frau Beeger,

    was die neue Tendenz angeht, gebe ich Ihnen Recht, das beobachte ich inzwischen auch. Als Familienvater und Freelancer habe ich mich dafür entschieden, möglichst nur solche Projekte anzunehmen, die mich im Tagespendelbereich halten, um täglich für meine Kinder dasein zu können. Wenn ich dies in meinen Nachrichten an die Recruiter mitteile, ist das Verständnis hierfür inzwischen sehr deutlich herauszulesen, man geht sogar auf diesen Wunsch ein und sucht verstärkt nach Aufgaben in meiner Nähe.
    An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an all meine Kontakte, die sich in solcher Weise für mich stark machen.

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  5. Marcus Hülsdau

    Hallo Frau Berger,

    Ich kann dies durchaus bestätigen, insbesondere den subjektiv wahrgenommen Mangel an Humor. Ich würde mich nicht als großen Witzbold bezeichnen, habe aber schon mehrfach, von unterschiedlichsten Nationalitäten, das Kompliment bekommen „you are the funniest German I’ve ever met“. Eigentlich schade, so bierernst sind wir doch eigentlich gar nicht.

    Beste grüße aus der lustigen Slowakei
    Marcus Hülsdau

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