Der Fachkräftemangel fordert uns alle heraus. Mehr denn je – die ersten Babyboomer verabschieden sich bereits aus den Unternehmenswelten. Das verschärft die Lage auf den Arbeitsmärkten. In meiner kleinen fünfteiligen Reihe, die mit diesem Beitrag endet, habe ich daher in den letzten Monaten drei Handlungsfelder skizziert, die den Fachkräftemangel entlasten (könnten). Lassen Sie uns diese nochmals kurz rekapitulieren:

Botschaft Nr. 1: Über 70 Prozent der Frauen sind mittlerweile berufstätig, aber die Mehrheit von ihnen arbeitet in Teilzeit. Oft nicht aus freien Stücken, sondern weil es schlicht an Betreuungsmöglichkeiten für ihre (Schul-)Kinder mangelt. In Konsequenz bedeutet dies: Viele Frauen verlieren den Anschluss und begnügen sich in späteren Jahren mit beruflichen Rollen, die unter ihrer Qualifikation liegen. Das können wir uns nicht leisten. Staat, Kommunen und Unternehmen sind gefragt, hochwertige Betreuungsangebote für Kinder bereitzustellen.

Botschaft Nr. 2: Ältere Mitarbeitende werden zu jung aus Unternehmen verabschiedet. Gerade in großen Konzernen gehören sie bereits ab Mitte 50 zum „alten Eisen“ und werden teils systematisch in den Vorruhestand gedrängt. Ihr Wissen und ihre Erfahrung sind jedoch kaum ersetzbar. Hier ist ein Umdenken in Unternehmen angesagt – es müssen Lösungen gefunden werden, Ältere weiterhin aktiv einzubinden. Altersgemischten Organisationen gehört die Zukunft.

Botschaft Nr. 3: 400.000 qualifizierte Zuwandernde, pro Jahr wohlgemerkt – so viele benötigen wir laut dem Chef der Arbeitsagentur, um den Fachkräftemangel auszugleichen. Unsere heutigen Regelungen zur Zuwanderung sind jedoch eher Bürokratiemonster als Willkommensvehikel. Dringend benötigen wir deshalb flexible und moderne Bestimmungen, am besten eine neue gesetzliche Grundlage. Kanadas Punktesystem lässt grüßen.

Lösen diese drei Handlungsfelder den Fachkräftemangel in einer globalisierten Wirtschaft auf, die sich durch die Digitalisierung weiter beschleunigt? In der aktuell relevantes Wissen morgen kaum mehr etwas wert ist und von den Anforderungen der dynamisierten Wirtschaft ständig überholt wird? Meine Antwort auf die obige Frage lautet: nein! Um Mitarbeitende auf dem neuesten Wissensstand zu halten oder gar Vorsprünge zu erarbeiten, steht lebenslanges Lernen ganz oben auf der Tagesordnung.

Es ist in meinen Augen sogar das wichtigste Handlungsfeld, um den Fachkräftemangel langfristig zu lösen – die oben genannten Themen helfen eher mittelfristig. Der von unserer Muttergesellschaft veröffentlichte Global Skills Index hat in den letzten Jahren herausgearbeitet: Es mangelt nicht an der absoluten Zahl verfügbarer Arbeitskräfte, sondern an Menschen, die über gefragte Qualifikationen verfügen.

Gehen wir die Themen (Weiter-)Qualifizierung und lebenslanges Lernen nicht an, spitzt sich diese Diskrepanz zwischen vorhandenen und gefragten Kompetenzen weiter zu. Dann laufen wir in eine Situation, in der die Fähigkeiten auch von gut ausgebildeten Individuen zu einem Muster ohne Wert verkommen, wenn sie in puncto relevante Kompetenzen nicht am Ball bleiben.

Das heißt keineswegs, nur auf fachliche Qualifikationen zu blicken. Natürlich ist es wichtig, Menschen in digitalen Technologien, in Big Data, Cybersecurity, Blockchain oder KI zu schulen. Mindestens genauso wichtig ist es jedoch, uns mental und kulturell auf ständigen Wandel und auf ambivalente Zustände einzustellen. Dazu benötigen wir essenzielle persönliche Kompetenzen, wie die Bereitschaft zu Veränderungen, Resilienz oder die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion.

Diese Schlüsselqualifikationen – jenseits des harten Wissens – sollten wir früh entwickeln. Und einen Bogen vom Kindergarten und den Schulen über die Universitäten bis hin zur betrieblichen Aus- und Weiterbildung spannen, um diese Kompetenzen zu fördern. Vielleicht sogar eine Art Bildungs-Masterplan entwickeln, in dem die Gesellschaft einen umfassenden Lernraum bildet. Nur mithilfe dieser persönlichen Kompetenzen schaffen wir die Grundlagen, uns gut an neue Bedingungen anzupassen und heutige sowie künftige Transformationsprozesse souverän zu meistern.

Dazu müssen alle an einem Strang ziehen und Wirtschaft, Gesellschaft sowie auch Bildungseinrichtungen Hand in Hand arbeiten. Dann reden wir in einigen Jahren hoffentlich nicht mehr über den Fachkräftemangel, sondern über das Bildungsland Deutschland, in dem Veränderung und Lernen eng miteinander verzahnt sind. „Qualified in Germany“ könnte dann vielleicht sogar ein neues Markenzeichen unseres Landes werden. Eine schöne Vision, wie ich finde!

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