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Vor 30 Jahren ging die erste E-Mail über den Atlantik. Kaum zu glauben, dass ich meine Jugend in einer kommunikativen Welt verbracht habe, die heute gar nicht mehr vorstellbar ist. Aber ja, selbst zu Beginn meiner Karriere bei Hays habe ich noch CVs als Fax zum Kunden geschickt. Meine eigene Bewerbung war per Post. Meinen ersten „Presseauftritt“ (hui, ist das lang her, das war auch schon 2007) hatte ich zum Thema Onlinebewerbungsformulare.

Noch mit Schwarz-Weiß-Foto, aber immerhin schon mit ersten Ansätzen zu einem anderen Thema, das jetzt gerade en vogue ist, der „Candidate Experience“ – an anderer Stelle dazu vielleicht einmal mehr.

Okay, ich fühle mich eigentlich noch gar nicht so alt, habe aber also schon große Revolutionen im Recruiting erlebt. Und jetzt kommt schon das nächste große Ding: Karriereseiten und ihre mobile Nutzung auf Tablets und Smartphones sind derzeit in aller Munde. So wie die große Revolution im Recruiting vor Jahren durch Social Media ausgerufen wurde und noch wird (sie ist bis jetzt allerdings noch nicht angekommen, zumindest nicht bei Facebook und Twitter, oder doch?), ist jetzt also wirklich das nächste große Ding im Kommen?

Mobile Karrierewebsites – Einfach nur Wischen?

Jeder Personalmarketer, der etwas auf sich hält, hat eine mobilfähige oder responsive Website, die man auch wischend bedienen kann, oder zumindest ein Projekt dazu. Was das genau bedeutet und wie das gehen könnte (zumindest ein Weg), wird hier (was und wie) schön erklärt, ohne dass es zu technisch wird. Was sagen denn aber Studien und Zahlen in diesem Zusammenhang und was genau heißt das eigentlich für die Gestaltung und den Aufbau? Einfach nur mit Wischen und nach unten offen designt, weg vom alten Mantra des Webdesigns, in dem alles Wichtige ohne Scrollen auf den ersten Blick zu sehen sein muss, da es sonst in der Versenkung des Webs vor den Usern verborgen bleibt? Oder steckt mehr dahinter? Und wie brisant ist das wirklich?

Je nachdem, welche Studie man liest, ist die Nutzung durch andere Devices als PC oder Laptop – also mausgesteuerte – unterschiedlich. Oft werden die Unternehmen beim Thema mobile Karrierewebsites jedoch für etwas hinterwäldlerisch gehalten. Wobei selbst diese Studien gar keine so weit verbreitete Nutzung von mobilen Websites nahelegen. Es ist aber wichtig, eine Seite zu haben, wie auch diese Infografik zeigt! Allerdings heißt es auch noch oft, mobile Recruiting funktioniert (noch) nicht – oder anders formuliert: Wir befinden uns in der mobilen Sackgasse, wie Prof. Jäger in seiner Studie und diesem Vortrag treffend sagt. In jedem Fall ist jedoch eine stark steigende Nutzung in den letzten Jahren zu verzeichnen und wer schon einmal versucht hat, seiner vierzehnjährigen Tochter das Smartphone wegzunehmen, weiß, welche Bedeutung das hat.

Wie wichtig ist die mobile Website?

Aber kann sich ein Bewerber tatsächlich vorstellen, mobil eine Bewerbung zu versenden? Auch hier gibt es unterschiedliche Zahlen, die uns, zumindest was kurzfristige Hoffnung angeht, recht skeptisch stimmen sollten. Es scheint eher ein strategisches Thema, dessen Kraft sich wohl erst noch zeigen wird. Oder liegt das daran, dass es schlicht noch zu wenig Möglichkeiten gibt und sich der Gedanke erst verbreiten muss?

Allerdings werfe ich gerne einfach noch ein paar andere Fragen auf: Wie wichtig ist die mobile Website im Vergleich zu einem guten und funktionierenden Empfehlungsprogramm? Hat wirklich jeder seine bisherigen Hausaufgaben so gemacht, dass er bereits auf das nächste Pferd setzen sollte? Welche Rollen spielen unterschiedliche Zielgruppen bei diesem Thema und wie sieht die eigene aus? Gibt es die EINE Gen Y, die so technikaffin und mobil ist, überhaupt? Okay, ich gebe zu, ich bin etwas skeptisch! Nicht ob der Bedeutung des Themas, jedoch hinsichtlich seiner Brisanz. So ein wenig erinnert mich das auch an den Hype um Facebook und Twitter und mir klingen dann immer die neuen Kollegen in den Ohren, die sagen: „Das will ich mir gar nicht anschauen, Facebook ist privat!“

Welchen Blick haben Sie auf das Thema? Bin ich zu skeptisch oder zu provokant? ;-) Ich freue mich auf eine Diskussion!

Kommentare


  1. Marco M. Hagemeyer

    “If you’re not using mobile marketing to attract new customers to your business, don’t worry – your competitors are already using it and are getting those customers indeed” – im Sinne Jamie Turners (60secondmarketer.com) können wir als führender Personaldienstleister ‘Customers’ durch Candidates ersetzen. Denn was an dieser Stelle für die Kundengewinnung gilt, gilt ebenso für die Rekrutierung von passenden Kandidaten. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer bereit ist, in den hintersten Ecken und verstecktesten Kanälen nach geeigneten Bewerbern zu suchen – sich nicht scheut, die „extra Runde“ zu laufen – gewinnt. Darum braucht die Personalbranche den „großen Wisch“ und Hays das mobile Recruiting.

    Bevor wir allerdings jedem Trend hinterher hecheln und die nächste Tulpomanie heraufbeschwören (man erinnere sich an StudiVZ, MySpace und nun vielleicht auch Xing?) sollten wir allerdings vorsichtig abwägen, was Sinn und Zweck des mobilen Recruitings sein soll. Noch einen Schritt zurück auf der Elementarebene: Was kann und was sollen mobile Websites? Sie sollen vor allem eines: Dem User das Leben einfacher machen. Einfacher wird unser Surfen allerdings weder, weil es den mobilen Zugang zu Websites gibt, noch weil der responsive Ansatz meinen 700-Wörter Artikel skaliert-lesbar untereinander aufreiht. Einfacher wird meine User Expierence (UX) erst dann, wenn sie drei Bedingungen erfüllt: Essential. Functional. Beautiful. – also alle „wesentlichen“ Informationen „zugänglich“ und „ansprechend“ zur Verfügung stellt. Das kann nur bedingt durch den responsiven (beweglichen) Charakter von Webseiten erfolgen. Wir als mobile Surfer brauchen und wollen mehr: Weg mit dem Schnick Schnack, weg mit der aristotelischen Spannungskurve hin zur einfachen klaren Usability („Wo finde ich wie was?“). Amazon hat eine solche Benutzerfreundlichkeit vorgemacht, Ebay sprang auf und PayPal verringert mit seinem ‚One-Click Express Checkout‘ gar die Abbrecherquote von Einkäufen im Internet (vgl. auch ‚Single-Page-Checkout‘). Der letzte Schrei: Die Nachrichten-App „summly“ (Yahoo!) kürzt journalistische Texte so zusammen, dass sie genau auf den Smartphone-Bildschirm passen. Warum das alles? Weil eine umständliche Nutzung Zeit und Geld kostet – und zwar die des Users. Sofern ich einer Website „vertraue“ bin ich auch bereit mit einem Klick meine Entscheidung zu treffen. Und dies ermöglicht nach aktuellem Stand nur der adaptive Ansatz der mobilen Seite hinter der statischen Website.

    Die logische Anschlussfrage: Was kann und soll mobiles Recruiting? Auf Kandidatenseite soll es durch einen möglichst einfachen Ansatz die Hürden zur Bewerbung senken und durch noch mehr „Masse“ die Wahrscheinlichkeit auf meinen Wunschjob steigern (nennen wir es die ‚One-Click-Application‘). Auf Seiten des Recruiters möchte ich vor allem auch jene Trend-Hipster erreichen, die sich nicht mehr mit staubigen Stellenanzeigen, ausführlichen Bewerberprofilen, Freelancer-Portalen oder gar Stepstone herumschlagen. Vielleicht mag es an dieser Stelle etwas brutal klingen: Aber in Zeiten der Fachkräfteknappheit liegt die Verhandlungsmacht auf Seiten der Bewerber. Entsprechend werden wir als Personaler bald fragen müssen: ‚Was‘ können wir verändern, damit wir Euch noch besser erreichen? ‚Wie‘ können wir uns noch mehr verändern, um bei Euch Anlaufstelle Nummer 1 zu sein?

    Dafür müssen zunächst Voraussetzungen geschaffen werden: Einerseits braucht die Recruiting-Branche zunächst einmal jene Bewerber, die einen mobilen Zugang nachfragen (wenn ja, wie sieht die Zielgruppe aus?) – also die Bereitschaft sich per „Wisch anstelle von Klick“ zu bewerben. Laut HireRabbit geben 86 Prozent der Befragten an, ihr Smartphone zur Jobsuche einsetzen zu wollen und sehen Vorteile in der mobilen Benutzung, weil die Jobsuche überall und ständig stattfinden kann. Dagegen sieht die Hälfte der Befragten vor allem ein Problem darin, Content mobil einzugeben. Man vernachlässige bitte nicht die „persönliche Nuance“ einer Bewerbung von Struktur und Layout (wie enttäuscht war ich, als meine persönlich angefertigten Bewerbungsunterlagen durch ein simples Formular ersetzt werden sollten). Diese Generation der ‚One-Click-Application‘ braucht demnach nicht nur ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein, sondern auch eine Brise Gleichgültigkeit was den eigenen Bewerbungsgeschmack anbelangt. Diesen Problemen entgegentretend eröffnen sich für die Personalbranche ganz neue Chancen. Man denke an ein zentrales Portal (und zwar einer ‚mobile Version‘ nach adaptivem Charakter), das zunächst einmal alle Stellenanzeigen sammelt und kategorisiert und dabei meine eingangs erwähnten Maximen „essential – functional – beautful“ erfüllt. Auf diesem Portal erhält der Bewerber zudem die Möglichkeit sein eigenes Profil nach Wünschen, Vorstellungen und Layout (auf der Desktop-Version) zu pflegen. Die Bewerbung erfolgt dann nur noch per Klick – auf Kosten des Anschreibens, das es an dieser Stelle nicht mehr geben wird. Ähnliche Varianten wurden bereits in unterschiedlicher Form zahlreich implementiert. Aber genau das ist hier das Problem: Es fehlt die zentrale „mobile“ Bewerbungsplattform, zumal wir dem User mit 10 unterschiedlichen mobilen Bewerbungsportalen das Leben 10-mal schlimmer machen, als es vorher der Fall war.

    „The future is mobile computing – smartphones and tablets are just elements o fit. The industry is on the verge of a whole new paradigm“ (Thorsten Heins, CEO BlackBerry).

    Für wen ist mobiles Recruiting gemacht ist? Jede Antwort wäre hier eine verfrühte Prognose. Spannender ist das Aufzeigen von Überschneidungen zwischen technischer Machbarkeit und möglicher Zielgruppe. Unweigerlich werden einem hier die Freiberufler einfallen: Die Projekthistorie an erster Stelle, relativ dynamische und geographisch-mobile Zielgruppe, Verzicht auf das Anschreiben – wäre eine Bereitschaft zur mobilen Bewerbung gegeben, hätten wir an dieser Stelle die perfekte Zielgruppe, um ein solches Portal mit ‚One-Click-Application‘ zu erproben. Immerhin: Nur die Idee ist kein Garant für Erfolg. Flashback Utopia: Stell Dir vor, es ist Kirmes und keiner geht hin. 90er: Stell Dir vor, es gibt Bildtelefonie und keiner nutzt sie. Heute: Stell Dir vor, es gibt mobile Banking und keiner macht’s.

    Mit dem „mobile Recruiting“ haben wir das Rad nicht neu erfunden. Vielmehr sind wir ein Lenkrad, das gebraucht wird damit das Rad fährt und der Bewerber zugleich nutzen kann, um die richtige Zukunft anzusteuern.

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