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Konflikte sind selten angenehm, dennoch kann aus ihnen auch viel Gutes erwachsen. Diese Tatsache müssen wir uns vielleicht öfter bewusst machen. Gemeinhin ist das Wort „Konflikt“ doch meist negativ belegt. Warum eigentlich?

Verschiedene Ursachen erzeugen Unwohlsein im Konfliktfall

Dafür mag es mehrere Gründe geben. Vielleicht liegt es daran, dass wir Menschen als Herdentiere seit Jahrtausenden auf das Funktionieren der Herde um uns herum angewiesen sind. Wenn ich es mir mit der Herde verscherze, bin ich schutzlos und Dinosaurierfutter. Vielleicht bevorzugen wir auch vorhersagbare Situationen mit planbarem Ausgang. Und in Streitsituationen können wir den Ausgang oft nicht vorhersagen. Vielleicht haben wir aber auch einfach nur Angst davor, etwas, was wir anstreben, nicht zu bekommen – etwa Geld, Aufmerksamkeit oder Zuneigung.

Ich glaube, ein wichtiger Grund für unsere Konfliktscheu ist, dass viele von uns in Konflikten schlicht ungeübt sind. Ein Teufelskreis: Ich vermeide Konflikte, weil ich keine Übung in der Bewältigung habe, gewinne dadurch jedoch auch keine neuen Erfahrungen. Viele von uns waren sicher als Kind in einer Musikschule angemeldet oder im lokalen Sportverein. Dort konnten wir langsam in die Musik oder in eine Sportart hineinwachsen.

Aber wer von uns wurde schon als Kind systematisch an eine konstruktive Konfliktbewältigung herangeführt? Ich habe definitiv weniger Zeit mit meinem Konfliktverhalten und mehr Zeit mit meinem Akkordeon verbracht (und selbst das war nicht allzu viel).

Erfahrungen aus der Praxis: Proaktivität

Als Trainerin erlebe ich in Kommunikations- und Führungstrainings immer wieder, dass sich viele Menschen vor Konfliktsituationen geradezu fürchten. Nicht nur junge, unerfahrene Mitarbeiter, sondern auch gestandene Führungskräfte tun sich teilweise sehr schwer damit, schwierige Situationen anzugehen. Getreu dem Motto „Beiße nicht die Hand, die dich füttert“ wird manchmal lieber etwas eingesteckt, als offen ausgesprochen, was nicht gepasst hat.

Oder es wird so unglücklich angesprochen, dass es tatsächlich negativ aufgenommen wird und später Probleme bereitet. Und wieder führt eine negative Erfahrung dazu, solche Situationen in Zukunft noch stärker zu vermeiden. Auf diese Art und Weise schaden Konflikte.

So erwerben Sie Konfliktkompetenz

Die gute Nachricht ist: Konfliktkompetenz ist lernbar und deutlich zu verbessern! Jeder von uns kann üben, mit schwierigen Situationen konstruktiv umzugehen und sie in Zukunft besser zu gestalten.

Sie fragen sich, wie das gehen soll? Zuallererst, indem Sie damit anfangen, Ihre eigenen Bedürfnisse klar und ohne Angriff zu äußern. Laut Marshall B. Rosenberg gelingt das mit einem vierstufigen Vorgehen:

  1. die konkrete Situation oder Handlung, die uns beeinträchtigt oder verletzt hat, wertungsfrei beschreiben.
  2. aus der Ich-Perspektive erklären, welche Gefühle dies in uns ausgelöst hat – selbstverständlich in einem Rahmen, der dem (Business-)Umfeld angemessen ist.
  3. darlegen, welche Bedürfnisse wir in der Situation haben (die dort nicht befriedigt wurden).
  4. eine konkrete Bitte an den anderen äußern.

Das ist Ihnen zu abstrakt? Dann gebe ich Ihnen hier ein Beispiel, wie eine junge Führungskraft ihrem Vorgesetzten begegnen könnte, ohne zu „beißen“.

„Ich habe erfahren, dass mein Mitarbeiter X dich während meiner Abwesenheit letzten Dienstag gebeten hat, im nächsten Jahr den Kunden Y zu betreuen – und dass du dem Wunsch stattgegeben hast. Dadurch fühle ich mich übergangen und sehe meine Autorität gefährdet. Mir ist es wichtig, dass ich solche Themen entscheide, damit meine Mitarbeiter mich als ihre Führungskraft akzeptieren. Darum bitte ich dich, meine Mitarbeiter mit derartigen Fragen in Zukunft an mich zurückzuverweisen, gerade wenn es nicht zeitkritisch ist.“

Ich bin sicher, dass der Vorgesetzte diese Aussage nicht als Angriff verstehen würde.

Übung macht den Meister

Sie finden, das genannte Beispiel klingt gekünstelt? Vielleicht. Aber wie war es für Sie, das erste Mal Klavier zu spielen – oder ein Auto zu fahren? Viele neue Dinge oder Tätigkeiten fühlen sich anfangs komisch an. Und sind beim ersten Mal auch selten perfekt. Das erste Klavierstück war ja auch nicht direkt konzertreif. Dennoch appelliere ich an Sie: Seien Sie offen, auch für kritische Situationen! Sie werden sehen, dass es Ihnen zunehmend leichter fällt und sich mit etwas Übung natürlicher anfühlt.

Erfahrungen aus der Praxis: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Wie schon beschrieben, fällt es selbst unseren Teilnehmern in den Führungskräftetrainings oft schwer, negatives Feedback zu geben – egal ob an den eigenen Chef oder an die Mitarbeiter. Für viele scheint es immer noch eine Herausforderung zu sein, Ansichten so auszudrücken, dass sie für das Gegenüber gleichzeitig verständlich und verträglich sind.

In Rollenspielen üben sie dann einerseits, doch einmal eine kritische Situation anzusprechen, und merken andererseits, dass es möglich ist, kritisches Feedback anzunehmen, wenn es gut transportiert wird. Das sind oftmals echte und prägende Aha-Erlebnisse für alle Beteiligten.

Wie ist es bei Ihnen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Ich bin gespannt auf Ihr Feedback!

Über unsere Kollegin Monika Frenker

Monika Frenker ist Diplom-Psychologin und legte im Studium den Schwerpunkt auf Wirtschaftspsychologie.

Hieran schloss sie eine Ausbildung im Bereich Mediation vom Heidelberger Institut für Mediation an der Universität Heidelberg an und ist darüber hinaus Mitglied im Bundesverband Mediation e. V. Zu Hays kam Monika im Jahr 2014 und arbeitet seither in der Personal- und Führungskräfteentwicklung und berät in Konfliktsituationen.

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