Neue Technologien machen auch vor dem Recruiting keinen Halt. Die Hoffnung: Mitarbeiter finden, die immer besser passen - und das schneller und kostengünstiger. Soweit der Wunsch.

Doch was ist aktuell wirklich möglich? Und was bedeutet das für den menschlichen Recruiter?

Esther Schlichte, Head of Strategic Relationship Management DACH, Nordics & Russia bei der Hays Talent Solutions und Alessandro Micciché, Head of Digital Products bei der Hays Talent Solutions gehen diesen Fragen im Hays-Podcast auf den Grund.

Das Interview führte Marina Zayats, Beraterin für Unternehmenskommunikation und Digital Personal Branding.

Esther, stell dich bitte kurz vor, was machst du bei der Hays Talent Solutions?

Esther: Ich leite die strategische Vertriebseinheit der Hays Talent Solutions und optimiere in meiner Rolle gemeinsam mit unseren Kunden deren Einkaufsprozesse sowie Lieferantenstrukturen für benötigtes Fremdpersonal.

Alessandro, du arbeitest beim gleichen Unternehmen. Was ist deine Rolle?

Alessandro: Ich bin verantwortlich für die Entwicklung digitaler Produkte, um die Beschaffungsprozesse von Fremdpersonal zu digitalisieren und automatisieren. Hierunter fällt auch das Stichwort „Künstliche Intelligenz“.

Da sind wir auch schon direkt beim Thema. Von was genau sprechen wir, wenn wir von KI im Recruiting sprechen - gibt es da schon nennenswerte Lösungen?

Alessandro: Um das zu beantworten müssen wir zunächst ein gemeinsames Verständnis von KI schaffen. Nicht überall von KI draufsteht, ist auch KI drin. Oftmals werden regelbasierte Tools z.B. beim Matching von Kandidaten und Unternehmen als KI bezeichnet.

Was wäre ein konkretes Beispiel für so ein regelbasiertes Tool?

Alessandro: Ich denke da an die animierte Büroklammer, die mal in Microsoft Word als Hilfestellung drin war. Man konnte Fragen eintippen und bekam eine passende Antwort angezeigt. Das funktionierte aufgrund von Texterkennung und Regeln. Aber es war eben keine KI.

Auf der anderen Seite gibt es heute Chatbots, die aus den Fragen der Nutzer „lernen“ und ihre Antworten somit immer passgenauer gestalten. Das ist KI. Genau genommen ist es also nur dann eine KI, wenn es sich um selbstlernende Algorithmen handelt, die auf viele Daten zugreifen. Stichwort Big Data. Aus diesen Daten kann ein Algorithmus lernen und vorhersagen oder Entscheidungen treffen. Davon sind wir an vielen Stellen noch weit entfernt, weil die benötigten Mengen an Daten noch nicht vorliegen. Oder zumindest nicht in einer geeigneten Form.

Was sind aktuell die vielversprechendsten Technologien, die es im Recruiting aktuell gibt? Worauf schaust du da besonders?

Alessandro: Ich schaue momentan gespannt auf den Einsatz der Sprach- und Gesichtserkennung, um die Persönlichkeit eines Kandidaten besser einschätzen zu können und ihm damit passendere Stellenbeschreibungen vorzuschlagen. Aber der Einsatz solcher Lösungen ist noch nicht so weit verbreitet.

Es scheint auf jeden Fall nicht an Ideen für den Einsatz von KI im Recruiting zu mangeln. Was hat sich eigentlich grundsätzlich in den letzten Jahren verändert in eurem Business, Esther?

Esther: Die Anforderungen seitens der Kunden, also der Unternehmen, die Fremdpersonal einkaufen, sind im Wesentlichen gleichgeblieben.

Da haben wir auf der einen Seite Unternehmen, die Fremdpersonal einkaufen und auf der anderen Seite Lieferanten, die das entsprechende Fremdpersonal finden.

Was sich verändert hat, ist das Wie. Wir sehen vor allem, dass der Einkauf von Fremdpersonal zunehmend automatisiert wird. Ziel dabei ist u.a., dass bestimmte Prozesse eingehalten werden. Insbesondere wenn es um das Thema Compliance geht, also das regelkonforme Einkaufen, kann Automatisierung dabei helfen, keine Fehler zu machen. Das kann nämlich sehr unschöne Auswirkungen haben für Unternehmen.

Die Technologie, die dieser Prozessautomatisierung zugrunde gelegt wird, ist das sogenanntes Vendor Management System. Hier kommen sehr viele Daten zusammen: Der konkrete Bedarf der Einkäufer, sowie potenzielle Kandidaten, die auf diesen Bedarf passen. Anhand von Big Data kann sich erstmalig sowas wie „Predictive Sourcing“ entwickeln. Wenn ich nämlich sehe, dass der Kunde nach bestimmten wiederkehrenden Mustern sucht, kann der Planungs- & Suchprozess schon viel früher starten. Dann können wir als Hays Talent Solutions früher entsprechende Lieferanten von Fremdpersonal suchen und damit schneller liefern.

Das klingt nach dem ambitionierten Plan von Amazon. Produkte schon losschicken, bevor der Kunde auf Kaufen geklickt hat, weil anhand der Bestellhistorie vorhergesagt werden kann, was wann bestellt wird.

Esther: Richtig. Und wie macht Amazon das? Das Unternehmen schaut sich an, was andere Kunden mit ähnlichen Verhaltensmustern machen. Das ist ein lernendes System.

Hört sich für mich so an, als ob wir auf kurz oder lang keine Menschen mehr bräuchten im Recruiting?!

Alessandro: Bei der Beschaffung von Fremdpersonal geht es immer um Menschen und eben nicht um Waren, die man einfach auf Knopfdruck bestellt. Bei Waren sind keine Emotionen im Spiel. Eine KI kann dabei helfen, den richtigen Kandidaten noch früher zu finden. Stichwort Predictive Sourcing.

Der Kandidat muss mit den Menschen im Unternehmen in den Austausch gehen können und wollen und andersrum. Hier ist wieder viel menschliches Fingerspitzengefühl gefragt: Passt das von beiden Seiten oder nicht?Bei der Rekrutierung geht es also immer um die smarte und richtige Kombination aus Mensch und Technik.

Esther: Der Begriff des Cultural Fit ist hier das Schlagwort. Wenn ein Recruiter auf der Suche nach einem Kandidaten ist, spielt die Candidate Experience eine zunehmend wichtige Rolle.

Wir sind aktuell in einem sehr starken Talent Markt. Das heißt, die Nachfrage nach Talenten ist viel größer als das Angebot. Hier können Menschen besser einschätzen, wer zu wem passt und das dem Kandidaten auch erklären. Auch beim Onboarding spielt der Human Touch eine wichtige Rolle. Begrüßt und den neuen Kollegen vorgestellt zu werden, das ist Aufgabe des Menschen.

Je mehr Technologie Einzug hält, umso mehr müssen Menschen aber auch lernen damit umzugehen und ggf. neue Fähigkeiten erlernen, oder?

Alessandro: Hier sehe ich vor allem zwei wichtige Fähigkeiten: Vertrauen und Beratungskompetenz. Sowohl Kandidaten als auch Unternehmen wollen sich in guten Händen wissen, wenn es um die eigene Karriere, bzw. das eigene Geschäft, geht. Beides komplexe Themen, die gute Beratung und Vertrauen erfordern. Zudem muss ich als Recruiter oder als Berater wissen, wie wir mit den neuen Technologien umgehen. Dabei muss ich nicht nur wissen, wie ich sie bediene, sondern wann ich sie für was einsetze.

Esther: Ich finde hier spielt auch unsere Sprache eine wichtige Rolle. Die Art und Weise wie wir heute z.B. mit einer Alexa sprechen, „mach das Licht an“, „wie spät ist es“, führt u.a. dazu, dass wir auch mit Menschen weniger achtsam sprechen. Aus meiner Sicht ist das ein ganz, ganz wichtiges Kulturgut, das uns bitte nicht verloren gehen sollte.

Ich bin auch ein großer Freund von Sprache. Vielleicht wird Alexa und Co. ja so umerzogen, dass wenn jemand sagt „Alexa, spiel die Musik“, Alexa antwortet: „Gerne, aber sag bitte!“ Vielen Dank für eure wertvollen Einblicke, Esther und Alessandro zum Thema KI im Recruiting. 

Mehr Informationen zum Portfolio der Hays Talent Solutions gibt es hier.

Über Esther Schlichte

Mit meiner langjährigen Erfahrung aus dem Vertrieb komplexer Dienstleistungen und meinen Einblicken in unterschiedliche Branchen haben mein Team und ich das Ziel, gemeinsam mit unseren Kunden die Beschaffung und das Management von Spezialisten zuverlässig für die Zukunft aufzustellen. Unsere Kunden beschaffen Spezialisten heute sehr viel effizienter und sparen dabei Zeit sowie Kosten. Der Einsatz modernster Technologie ermöglicht gleichzeitig eine deutlich höhere Transparenz hinsichtlich Ihrer Ausgaben und der Performance einzelner Lieferanten; so können schneller bessere Entscheidungen getroffen werden. Ein besonderer Erfolgsfaktor für unsere Kunden ist es, durch ein bewährtes und stets weiterentwickeltes Change Management eine reibungslose Einführung der Dienstleistung sicherzustellen und die interne Organisation auf die Veränderungen vorzubereiten.

Über Alessandro Micciché

Ich entwickle mit meinem Team innovative, digitale Workforce Management Lösungen und Produkte der Zukunft. Durch die Nutzung von digitalen Technologien und Daten schaffen wir zusätzlichen Mehrwert für unsere Kunden bei der Beschaffung externer Ressourcen. Unsere Kunden möchten Transparenz und Compliance im Personalbeschaffungsprozess und damit die Kostenkontrolle über den Einsatz externer Ressourcen unter Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen und regulatorischen Standards. Sie haben das Ziel, die Prozesse zu optimieren und zu automatisieren, um Kosteneinsparungen zu erzielen. Wir optimieren die Einkaufs- und Personalbeschaffungsprozesse durch den Einsatz von digitalen Lösungen und Technologien. Unser Ziel ist es, die No-Touch Rate zu erhöhen, indem wir durch Automatisierung (Schnittstellen) individuelle End-to-End Prozesse realisieren, die die Effizienzpotenziale im Einkauf heben.

Mehr Informationen zum Portfolio der Hays Talent Solutions finden Sie hier.

Kommentare


  1. Frank-Michael Minx

    Hallo zusammen, ich bin seit über 6 Jahren für Hays als externer Berater unterwegs, aber ich bleibe trotzdem immer informiert, wie sich das Recruiting Geschehen im Markt darstellt. Ich beobachte das schon seit vielen Jahren, wie mit KI und pseudo KI Methoden im Recruiting zunehmend gearbeitet wird. Und dabei habe ich diverse, beinahe schon komische Situationen erlebt, bei denen deutlich wurde, dass es ohne den Menschen und vor allem ohne seinen Sachverstand in dem entsprechenden Segment nicht funktionieren kann. Dabei verliert der Recruiter, nicht der Berater/in, weil er möglicherweise nicht das Optimum für seinen Kunden herausholt, im Sinne von den besten Berater/in für das richtige Mandat. Mein Rat, verliert nicht den menschlichen Sachverstand aus dem Auge. Optimierung der technischen Prozesse geht an der Stelle über das Ziel hinaus und macht es schlechter, nicht besser. Beste Grüße Frank

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  2. Roger Germ

    Klasse Artikel zum Thema künstliche Intelligenz im Recruiting. Ich bin überzeugt, dass uns KI in der Rekrutierung zukünftig helfen wird, dennoch sollte man den gesunden Menschenverstand niemals ausser acht lassen.

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