Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive sind wahrscheinlich zu allen Zeiten und in allen Bereichen der Wirtschaft Fachkräfte knapp.

Interview mit Dr. Friedhelm Pfeiffer, Kommissarischer Leiter Forschungsbereich "Arbeitsmärkte und Personalmanagement", ZEW, Mannheim zum Fachkräftemangel in Deutschland.

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Die Höhe der zu zahlenden Arbeitsverdienste (oder Löhne) stellt einen Indikator dieser Knappheit dar. Je höher die Löhne, desto knapper sind die Fachkräfte, die die Tätigkeiten durchführen können, für die diese höheren Löhne bezahlt werden.

Löhne sind aber nicht nur ein Indikator der Knappheit. Ihre Höhe spiegelt ferner eine Wertschätzung im Sinne eines Geschenkaustausches zwischen Unternehmen und Fachkraft wider, nach dem Motto, ich schenk dir einen höheren Lohn und du schenkst mir dafür deinen Einsatz und deine Produktivität. Zudem transportieren Löhne und ihre Unterschiedlichkeit Gerechtigkeitsvorstellungen.

Die Unterschiede zwischen Löhnen können nicht beliebig groß werden, auch nicht für bestimmte, besonders gesuchte Kompetenzprofile, weil dies als unfair erachtet werden könnte. Nicht zuletzt aus diesen beiden letzten Gründen sind die nominal gezahlten Arbeitsverdienste im Zeitablauf, das heißt bei unterschiedlichen Knappheitsverhältnissen, kurzfristig nicht beliebig flexibel. Mittelfristig spiegeln die Löhne aber eben auch Knappheitsverhältnisse und somit Karrierechancen wider.

 

Ist es nicht eher angebracht, von einem Kompetenz- als von einem Fachkräftemangel zu sprechen?

Der Übergang von der Muskel- zur Kopfarbeit, der sich bereits seit vielen Jahrzehnten im Gang befindet, schreitet weiter zügig voran. Dabei entstehen neue Knappheiten, und Unternehmen und Beschäftigte brauchen Zeit, sich darauf einzustellen.

Die zunehmende Digitalisierung etwa schafft neue Kompetenzprofile mit mehr analytischen Fähigkeiten, etwa wenn es darum geht, Roboter oder künstliche Intelligenzen zu programmieren. Hier kann es zu temporären Engpässen kommen, die kurzfristig noch verschärft werden, wenn junge Menschen länger im Bildungssystem verbleiben.

Mittelfristig passen sich die Menschen in der Regel an die neuen Anforderungsprofile an, nicht zuletzt, um für ihren Erwerb zu sorgen. Man sollte dabei auch nicht ganz vergessen, dass neben der Nachfrage seitens der Unternehmen nach analytischen Kompetenzen die beruflichen und fachbezogenen Kenntnisse und Fertigkeiten, soziale Kompetenzen, Kreativität und Zuverlässigkeit weiterhin knapp sind und ebenfalls entsprechend honoriert werden.

 

Was muss sich im Bildungssystem tun, um dem Fachkräftemangel angemessen zu begegnen?

Das Bildungssystem hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Schulen und Hochschulen verfügen über immer mehr Autonomie und die meisten Bildungseinrichtungen möchten ihre Lernenden auch auf eine Erwerbstätigkeit vorbereiten. Dabei gilt an den Hochschulen der Leitsatz „Freiheit für Forschung und Lehre“.

Die Studierenden können heute zwischen Hunderten, wenn nicht gar Tausenden Studienfächern wählen. Dabei spielen neben den späteren Karrierechancen individuelle Vorlieben für oder gegen bestimmte Studienfächer bei vielen Studierenden eine wichtige Rolle.

Das Prinzip der freien Studienwahl und der Autonomie der Hochschulen, attraktive Studienfächer anzubieten, bewährt sich meiner Ansicht nach im Großen und Ganzen. In jungen Jahren sollte vor allem Wert auf den Erwerb solcher Bildungsinhalte gelegt werden, die potenziell ein Berufsleben lang Erträge schaffen.

Daher sollten sich die Hochschulen bei der Gestaltung ihrer Studienangebote nicht nur an kurzfristigen wirtschaftlichen Bedarfen orientieren. Etwas anders ist es bei der Lehre. Hier können die Unternehmen aktiv an den Bildungsinhalten mitwirken.   

 

Was haben Unternehmen selbst in der Hand?

Unternehmen können attraktive Arbeitskonditionen anbieten. Sie können etwa eine lebenswerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch reduzierte und flexible Arbeitszeiten ermöglichen. Sie können in ihren Unternehmen auch ein soziales Umfeld schaffen, das Menschen ansprechend finden und das angemessene soziale Interaktion schafft. Ferner können sie in der dualen Berufsausbildung an der Bestimmung neuer Berufe mitwirken.

Von erheblicher Bedeutung ist es zudem, zuverlässige Informationen für die in der Wirtschaft besonders gesuchten Kompetenzprofile bereitzustellen, damit Arbeitsuchende und junge Menschen in Bildungseinrichtungen die Chance erhalten, sich über diese Kompetenzprofile und die damit verbundenen Karrierechancen fundiert zu informieren.

Vielen Dank Dr. Friedhelm Pfeiffer für Ihren spannenden Einblick. Für weitere Informationen zu dem Fachkräftemangel lesen Sie jetzt unsere neue Studie Fachkräftemangel in Deutschland - unterschätzt oder aufgebauscht?

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