Noch vor einigen Jahren galt es als ausgemacht, dass der digitale Wandel unter dem Strich jede Menge Jobs kostet. Denken wir nur an die berühmt-berüchtigte und viel zitierte Studie von Frey und Osborne. Sie prognostizierte für jede Menge Jobs in den USA negative Auswirkungen.

Oder an die Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2016, die ebenfalls davon ausging, dass Maschinen massiv Menschen ersetzen würden und die globale Arbeitslosenquote dadurch auf 24 Prozent steigen würde.

HR-Report: Die Gegenwart prognostiziert ein anderes Bild

Je näher wir in die Gegenwart rutschen, umso positiver entwickelt sich der Tenor der Studien: Es mehren sich die Stimmen, die ein Mehr an Jobs erwarten. Und siehe da, auch unser neuer HR-Report bläst in das gleiche Horn.

Die über 800 Befragten, meist Führungskräfte, sind positiv gestimmt. Eine Mehrheit geht recht deutlich davon aus, dass die positiven Beschäftigungseffekte der Digitalisierung die negativen überstrahlen. Und nicht, wie zu erwarten, in den Bereichen IT oder Forschung und Entwicklung, sondern über alle Abteilungen hinweg – inklusive Logistik, Finanzwesen und Produktion.

Skepsis beiseite: Digitalisierung doch kein Unheilsbringer

Ich gebe unumwunden zu: Dieser positive Tenor hat mich doch überrascht. Ich stand bislang auf der Seite der Skeptiker und kann mit der oft beschworenen Analogie zu früheren technologischen Umbrüchen wenig anfangen.

Dass durch die Dampfmaschine oder die Industrialisierung neue Jobs entstanden sind, muss nicht logisch bedeuten, dass im digitalen Wandel das Gleiche passiert. Hier hielt ich es bisher mit den Aussagen von Brynjolfsson und McAfee (The Second Machine Age).

Aber bekanntlich lügt die Empirie nicht und meine subjektive Einschätzung hat enge Grenzen. Ganz oben auf der Liste der digitalen Gewinner steht laut den Befragten des HR-Reports die IT, gefolgt von Vertrieb und Marketing. In diesen Bereichen rechnen sie mit deutlichen Jobzuwächsen. Komplett neue Berufsbilder entstehen neben der IT vor allem in der Forschung und Entwicklung sowie im Marketing.

Zudem räumt der empirische Befund unseres HR-Reports 2019 ein weiteres Vorurteil ab: Zwar ist der Chor derjenigen laut, die davon ausgehen, für die Digitalisierung bedürfe es vor allem Experten, die mit ihrem Wissen ganz tief bohren. Nur stimmt die Empirie ein anderes Lied an. Gefragt sind vielmehr deutlich stärker Generalisten (61 Prozent) als Themenexperten. Horizontale schlägt Vertikale.

©Hays 2019

War for Talents: Generalisten haben die Nase vorn

Noch ein Klischee gefällig, das der HR-Report widerlegt? Auf dem Arbeitsweg sind junge Talente das kostbarste Gut, da sie ungleich weniger sind als die große Kohorte der Babyboomer. Doch sind nach unserer Datenauswertung nicht frische Hochschulabsolventen begehrt, sondern in der Tendenz eher erfahrene Experten (57 Prozent zu 43 Prozent).

Das stimmt mich als bekennenden Babyboomer optimistisch: Sicher sind viele Unternehmen der Meinung, „Ältere“ würden die Digitalisierung nicht mehr verstehen. Doch der Kreis der Menschen, die wissen, dass in Zeiten von Umbrüchen nicht das buchstabengetreue Umsetzen neuer digitaler Techniken entscheidet, scheint die Mehrheit zu bilden. Wenn es um Wandel und damit Kultur geht, sind Menschen gefragt, die schon einiges erlebt haben.

Im Kern geht es ja ohnehin darum, die unterschiedlichen Fähigkeiten von Menschen sinnvoll zu einem höheren Ganzen verbinden. Auch hier gilt: Auf Fachwissen zu setzen, ist eindimensional. In einer komplexen Welt entscheiden mentale Kompetenzen über den Erfolg oder Misserfolg von Transformationen.

Kommentare


  1. Dominik L.

    Interessanter Artikel! Die Digitalisierung wird neue Stellen schaffen. Die Branchen müssen sich dennoch auf den digitalen Wandel einstellen und diesen Weg beschreiten. Wer nur am Rand steht und den anderen dabei zuschaut, der wird den Vorsprung der anderen nicht aufholen können. Das fängt bei Personalprozessen an und hört beispielsweise bei der Digitalisierung der Shopfloors in der Produktion auf.

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