© K.-U. Häßler - Fotolia.com

Ich halte es gelinde gesagt für eine Mär, dass das Gehalt immer unwichtiger werde und es stattdessen nur noch um die Sinnhaftigkeit und das inhaltliche Vorankommen in unserer Arbeit gehe. Da halte ich es schlicht mit Marx: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Oder übertragen: Erst wenn ich das Gefühl habe, mein Gehalt passt, ich fühle mich nicht unterbezahlt, auch nicht im Vergleich zu meinen Kollegen, denke ich unbelastet an die schönen Projekte, an das, was ich gestalte.

Daher sind Gehaltsreports so attraktiv, zeigen sie uns doch auf, wo wir mit unserem Gehalt stehen und ob wir es als gerecht oder ungerecht empfinden. In unserer Industrie gibt es nicht umsonst eine Reihe von Reports zu den Gehältern von bestimmten Spezialisten-Gruppen. Auch wir haben vor Kurzem erstmals einen Report gemeinsam mit dem BVBC veröffentlicht. Und fein säuberlich die Gehälter von über 2.000 Bilanzbuchhaltern und Controllern ausgewertet.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, was ich generell von der Aussagekraft der Gehaltsreports halten soll. Wie repräsentativ sind sie? Und eignen sich die ermittelten Gehaltswerte wirklich als Richtschnur? Das durchschnittliche Gehalt? Der Median? Wobei wir dann nur von einer groben Richtschnur reden, wenn überhaupt.

Harte und weiche Faktoren zahlen auf das Gehalt ein

Ich meine, die Komplexität und Differenziertheit von Gehältern deckt ein Gehaltsreport schlicht nicht ab. Zu viele Faktoren zahlen auf das Gehalt eines Menschen ein: Harte wie die Ausbildung, die berufliche Erfahrung, die bisherigen Stationen (schließlich will keiner bei einem Wechsel schlechter bezahlt werden), der Standort, die Größe des Unternehmens, die Branche und in Unternehmen festgelegte Gehaltsgruppen.

Und natürlich die weichen Faktoren: Das Auftreten, das Aussehen, die Größe (große Menschen verdienen mehr) und leider auch das Geschlecht, denn Frauen verdienen im Schnitt wesentlich weniger. Oder die Beliebtheit beim Chef. Sicher habe ich noch eine ganze Menge an Faktoren vergessen, die ebenfalls das Gehalt beeinflussen.

Gehaltsreports liefern nur grobe Bandbreiten

Abbilden kann das kein Gehaltsreport und genau deshalb bin ich verhalten skeptisch. Grobe Bandbreiten kann er liefern, aber mehr auch nicht. Wenn Gehaltsreports anderes suggerieren, sind sie kritisch zu hinterfragen. Bekanntlich hat jeder das Gehalt, das er verdient. Ob dies gerecht ist, wer vermag das zu entscheiden? Nur eines ist relativ eindeutig: Auf jedes Gehalt zahlen zu viele Faktoren ein, als dass sie holzschnittartig aufbereitet werden können. Oft ergibt es Sinn, Komplexität zu reduzieren, aber gerade in der Gehaltswelt ist dies ein sehr sensibles Thema. Wer Gehaltsgespräche führt, weiß darum.

Trotzdem schaue natürlich auch ich nach, wenn ein Gehaltsreport für das Marketing auf meinem Tisch landet, was mir eigentlich so zusteht. :-) Und grummle oder freue mich. Dazu ist das Gehalt einfach zu wichtig. Siehe oben. Aber was halten Sie denn von Gehaltsreports?

Über den Autor Frank Schabel

Der Geisteswissenschaftler Frank Schabel hatte jahrelang Führungsrollen, vor allem in der IT-Industrie im Bereich Marketing/Corporate Communications, inne. Frühere Stationen waren unter anderem SAP und CSC Ploenzke. Von 2006-2020 war er Head of Marketing/Corporate Communications bei der Hays AG und ist aktuell als Managementberater & Interimsmanager sowie Autor von Fachbeiträgen aktiv.

LinkedIn-Profil: Frank Schabel

Website: https://www.frankschabel.de/

 

Kommentare


  1. Alexander

    Hallo Frank,

    vielen Dank für diesen Post – auch ich habe eine gespaltene Meinung: einerseits ist es interessant, sich grob einzusortieren, und so seinen vermeintlichen Marktwert zu erkennen. Andererseits führt fast jeder Gehaltsvergleich zu kurz- bis mittelfristiger Unzufriedenheit, da man sich automatisch an den höheren Gehältern orientiert.
    Daher: Interessante Lektüre, aber bitte nicht immer gleich Ansprüche an sich selbst und/oder den Arbeitgeber daraus ableiten.

    Antworten
  2. Nicole

    Hallo Frank,

    ich war bis vor kurzem in der Personalabteilung beschäftigt und bekam immer wieder zu hören: das Gehalt ist nicht so wichtig… wichtig ist, daß man überhaupt einen Job hat! Und das kam natürlich… na, von wem? Von jenen, die sowieso ganz nah am Futtertrog waren und in Führungspositionen… da kann man ja leicht reden, nicht wahr?! Ich bin nach wie vor der Meinung, daß das Gehalt sehr wohl wichtig ist und auch zur Motivation beiträgt.. als Frau in einer Controllingposition kann ich ein Lied davon singen…. und, ja, ich bin auch der Meinung, daß irgendwann das Gehalt nicht mehr wichtig ist, nämlich dann, wenn man in der Hierarchie so weit oben angelangt ist, daß nicht mehr Geld sondern Macht ausschlaggebend ist. Und noch ein Kommentar zu Alexander: klarerweise leitet man Ansprüche an sich selbst bzw. an den Arbeitgeber ab… an irgendetwas bzw. irgendwem muß ich mich ja orientieren.. und ich kann mich letztendlich nur immer innerhalb des Unternehmens matchen. Und letztendlich komme ich immer wieder auf einen Punkt: in manchen Firmen ist es gar nicht wichtig, wie gut man oder frau ist oder wie groß oder klein oder welche Ausbildung dahintersteckt… sondern einfach nur, wen man in puncto Gehaltserhöhung kennt….

    Antworten
  3. Tamara

    Hallo Frank,

    dein Beitrag ist sehr hilfreich und informativ. Tatsächlich frage ich mich auch, ob die Gehaltsreports sinnvoll sind. Was ich interessant fand, war die Aussage, große Menschen würden mehr verdienen – ist das denn tatsächlich so?

    MfG Tamara

    Antworten
  4. Frank SchabelFrank Schabel

    Hallo Alexander, Nicole und Tamara,

    Gehalt bewegt – danke für Eure Kommentare. Im Prinzip unterstützt Ihr meine Maxime: Weiche Themen ziehen erst dann, wenn wir das Gefühl haben, einigermaßen gerecht bezahlt zu werden. Es bildet die Basis und wenn wir meinen, es stimmt nicht, dann sinkt entweder unsere Produktivität oder wir gehen. Gehalt ist bei allem eine Art von Wertschätzung und Anerkennung. Warme Worte mögen wir sicher auch, aber hartes mehr. Von daher sollten wir viele Aussagen zur Dominanz der weichen Themen in der Tat mit Vorsicht genießen.

    Tamara, ja, es gibt hinreichend Studien, die genau dies belegen: Aussehen, Attraktivität zahlen positiv auf das Gehalt ein.

    Gruß
    Frank Schabel

    Antworten
  5. Ben

    Nun muss ich aber auch noch eine Lanze für den Postmaterialismus brechen!

    Sicher sind die harten Fakten sehr wichtig, aber gerade aktuell gibt es ja eine nicht zu missachtende Tendenz, nach der sich gerade Hochqualifizierte ganz bewusst gegen eine Fokussierung auf das Gehalt entscheiden.

    Die einen sortieren Ihr persönliches Hab und Gut auf weniger als 100 Gegenstände, viele verlassen Ihre geregelte Karrierelaufbahn und bauen Boote, verkaufen selbstgemachtes Pesto oder unterrichten in afrikanischen Grundschulen.

    Der Fokus liegt hier ganz stark auf den „warmen Worten“ oder konkret gesprochen, auf der sozialen Anerkennung, die aber grundsätzlich anders gelagert ist als die Anerkennung, die aus dem Beruf hervorgeht. Während diese nämlich vom externen Wertekonsens an die Person getragen wird, entsteht die soziale Anerkennung bei diesen Aussteigern aus dem eigenen und individuellen Wertesystem und bedarf keiner externen Bestätigung.

    Die Frage nach der Bedeutung des Gehaltes geht damit meiner Ansicht nach unmittelbar einher mit der Frage nach dem Individualisierungsgrad unserer Gesellschaft und gerät somit und anhand aktueller Tendenzen mehr und mehr ins Hintertreffen.

    Sicher steckt diese Bewegung noch in den Kinderschuhen, dennoch zeigt sich hier ja doch ganz deutlich eine Entwicklung in unserer Gesellschaft – wenn man so will, aus der Mitte der Gesellschaft heraus – die Sie zunehmend von den Grundbedürfnissen Physiologie und Sicherheit löst und soziale Bedürfnisse sowie die Selbstverwirklichung in den Fokus rückt.

    Ich glaube schon, dass das Gehalt aktuell noch sehr wichtig ist, dieser Zustand sich aber in relativ kurzer Zeit stark reduzieren wird, da sich etablierte Werte und klassische Statussymbole zunehmend als von einer breiten Masse „ungewollt“ und nicht mehr zeitgemäß herausstellen.

    Antworten
  6. Frank SchabelFrank Schabel

    Hallo Ben,

    danke für Ihren spannenden Kommentar. Wie heißt es so schön bei Goethe sinngemäß: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Ich bin bei Ihnen, dass sich hier etwas getan hat und teile auch die postmaterielle Sicht bzw. würde sie gerne teilen. Das große Aber :): Wie viele Menschen haben im beruflichen Kontext wirklich das Gefühl wertgeschätzt zu werden. Da bin ich skeptisch. Und die Zahl wird noch kleiner, wenn wir anschauen, wie viele sich darum nicht scheren, weil sie damit selbst einen entspannten Umgang pflegen und wissen, was sie können. Für einen Großteil läuft das dann doch über Gehalt, würde ich meinen.

    Ja, die Jüngeren gehen damit anders um. Aber auch hier glaube ich längst nicht alle. Es ist eine gebildete, hoch qualifizierte Gruppe von Menschen, die wohl materiell wohlbehütet sind und sich dies leisten können oder wirklich andere Schwerpunkte setzen. Das wäre dann prima. Ich bin übrigens selbst – in den 80er-Jahren an der Uni – in postmateriellen Gedankenwelten sozialisiert worden. Auch hier getragen von jungen Menschen, die einen entsprechenden Hintergrund hatten.

    Gruß
    Frank Schabel

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel