Mit pauschalen Aussagen ist es so eine Sache: Haben sie erst einmal Raum in unserer Sprachwelt eingenommen, verlieren differenzierte Betrachtungsweisen rapide an Boden. Dann helfen auch keine empirischen Befunde weiter, die meist vielschichtigere Bilder zeichnen. Ein schönes Beispiel ist hier der Fachkräftemangel, der unsere Diskussionen über die Zukunft der Wirtschaft seit einigen Jahren prägt.

Übrigens oft aus egoistischen Gründen: Bekanntlich verfolgen gerade einfarbig malende Akteure ihre jeweils eigene Agenda, wenn sie Komplexität reduzieren.

Fachkräftemangel existent: ja oder nein?

Ich bezweifle keineswegs, dass es einen Fachkräftemangel gibt – nur eben nicht in dieser verallgemeinernden Variante, die unsere veröffentlichte Meinung dominiert. Unsere neue Studie zum Thema Fachkräftemangel greift mir nun empirisch unter die Arme und stützt mein niemals endendes Plädoyer für Differenziertheit. Wie übrigens auch die Mehrheit der sieben Expertinnen und Experten, die wir zu den Ergebnissen befragt haben.

 

Eine Herausforderung für die Gesamtwirtschaft

Natürlich konstatiert die breite Mehrheit der von uns befragten Führungskräfte: Der Fachkräftemangel fordert die Wirtschaft strukturell heraus und ist daher ein kritischer Faktor. In ihren eigenen Fachbereichen nehmen sie selbst wahr, dass Stellen länger vakant bleiben und wenn, dann oft nur suboptimal besetzt werden.

Zudem sind die Mitarbeiter stärker mehrbelastet, weil die Arbeit auf weniger Köpfe verteilt wird. Auf der anderen Seite meinen jedoch vier von zehn Befragten, der Fachkräftemangel betreffe nur einzelne Branchen und Tätigkeitsfelder. Und in Bezug auf ihren direkten Fachbereich stufen ebenfalls nur 40 Prozent den Fachkräftemangel als problematisch ein.

Ohnehin zieht sich wie ein roter Faden durch die Resultate, dass die Befragten die Auswirkungen des Fachkräftemangels für die Gesamtwirtschaft in Summe als kritischer erachten als in ihrem Unternehmen. Das stützt meine obige Hypothese: Die in der Öffentlichkeit zu häufig unter pauschalisierenden Vorzeichen geführte Diskussion über den Fachkräftemangel schlägt auf dessen allgemeine Wahrnehmung durch. Aber in Bezug auf ihren eigenen konkreten Arbeitskontext relativiert sich ihre Sicht deutlich.

 

Unternehmensinterne Handlungsstrategien sind entscheidend

Dies gilt überraschenderweise auch für die empirischen Ergebnisse aus der IT-Industrie. Sie leide – so die gängige Meinung – am meisten unter dem Mangel an geeigneten Fachkräften. Ein Blick in die Tiefen der empirischen Daten bringt jedoch erstaunliches zutage. Denn die von uns Befragten aus dieser Branche empfinden den Fachkräftemangel als weniger gravierend als die Vertreter aus anderen Branchen.

So bewerten sie beispielsweise die Mehrbelastung der Mitarbeiter oder gar Einbußen beim Umsatz mangels Spezialisten geringer: IT-Unternehmen – so unsere Einschätzung – mussten sich schon früh auf den Fachkräftemangel einstellen und haben daraus ihre Lektionen gezogen. Sie sind folglich gut gewappnet.

Dagegen haben andere Unternehmen ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht. Vor allem auf drei Handlungsfeldern sollten sie laut unseren Erhebungen aktiv werden, um dem Fachkräftemangel adäquat zu begegnen. Zum Ersten ihre Arbeitgebermarke nachhaltig und glaubwürdig entwickeln, zum Zweiten neue Wege in der Rekrutierung beschreiten und zum Dritten ihre Personalbedarfsplanung unternehmensweit systematisieren.

Es mag kurzfristig entlastend sein, lautstark über den Fachkräftemangel zu wehklagen. Mittel- und langfristig scheint es jedoch die bessere Strategie zu sein, das Heft in die eigene Hand zu nehmen und Antworten für ihr Unternehmen zu entwickeln.

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