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Glaubt man den aktuellen Klagen der deutschen Industrie und ihrer Verbände, so geht seit langer Zeit ein Gespenst um in Deutschland: der Fachkräftemangel. Dieser wird in naher Zukunft alle Räder der Republik zum Stillstand und jede Innovationsfähigkeit zum Erliegen bringen. Glaubt man stattdessen der Wissenschaft und unserem vierteljährlichen Hays-Fachkräfte-Index, so ist das Bild wesentlich differenzierter: Hier sind aktuell noch keine Anzeichen für einen akuten und flächendeckenden Expertenmangel auszumachen.

Die Wahrnehmungen in der Diskussion sind demnach nicht einheitlich.

Unabhängig von diesen zwei Auffassungen besteht die Wirtschaft, einem Diktum von Ludwig Erhard folgend, zu 50 Prozent aus Psychologie. Und die Umfragen zur Psychologie des Expertenmangels in den Unternehmen sind eindeutig: Laut dem Fortschrittsbericht zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung 2014 sehen 38 Prozent der Betriebe durch einen Fachkräftemangel ihre Wachstumsaussichten gefährdet. Bei den Mittelständlern geben 71 Prozent an, dass es aktuell schwer sei, geeignete Experten zu finden. Fakt ist: Das Thema Fachkräftemangel und seine politisch-ökonomischen Auswirkungen dominieren schon lange die wirtschaftspolitische Diskussion. Kostet uns der Fachkräftemangel also die globale Wettbewerbsfähigkeit?

Rezepte gegen den Fachkräftemangel

Die Rezepte gegen den Expertenmangel sind meist alte Bekannte, die allesamt nur sehr langfristig wirken können: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Bildung und Ausbildung, optimierte Integration von Frauen und Migranten sowie der Zuzug qualifizierter Ausländer. Alle diese Maßnahmen erscheinen mir wichtig – und sind doch typisch für einen „Schweinezyklus“. Mit diesem Begriff bezeichnen Ökonomen das Phänomen, dass das Angebot (z.B. durch politische Weichenstellungen oder Personalmarketing- und Ausbildungsmaßnahmen) nur sehr langsam der Nachfrage folgen kann. Aber was ist kurzfristig zu tun?

In meinem Kerngeschäft, der Vermittlung von selbstständigen IT-Spezialisten, machen wir seit Jahren die folgende Beobachtung: Es geht in der Praxis primär um eine effiziente regionale und fachliche Allokation von Expertenwissen. Fachkräftemangel in der IT wird meist dadurch vermieden, dass Experten sich schnell und flexibel im Markt zwischen inhaltlich unterschiedlichen Projekten in verschiedenen Unternehmen hin und her bewegen können. Expertenwissen ist nämlich skalierbar, weshalb freiberufliche Wissensarbeiter im Gegensatz zu Festangestellten mehr als einen Kunden an mehr als einem Ort mit aktuellem Spezialwissen versorgen können. Das Schöne dabei ist: Know-how ist eines der wenigen Güter, das sich vermehrt, wenn man es benutzt.

Know-how muss flexibel verfügbar sein

Die viel beschworene digitale Transformation ist ergebnisoffen. Industrie 4.0, Cloud Computing, Big Data – der Markt kann unmöglich heute schon wissen, welche Trends 2020 noch Bestand haben werden. Obwohl mir die Vertriebskollegen diverser Systemhäuser hier natürlich widersprechen würden. Laut Mark Twain sind Prognosen bekanntlich höchst unsicher, besonders, da sie die Zukunft betreffen. Unternehmen werden somit stetig flexibel verfügbares Know-how vorhalten müssen, um es bei neuen fachlichen oder technologischen Trends schnell und gezielt einsetzen zu können. Erstaunlicherweise ist die Tatsache, dass Personaldienstleister als Katalysator fungieren, noch nicht Bestandteil der öffentlichen Diskussion um den Fachkräftemangel. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert!

Kommentare


  1. Udo Dinsing

    Also die Sache mit Fachkräftemangel entspricht in keinster Weise der Wahrheit !
    Hierzu mal ein Beispiel.
    Da hat sich jemand beworben und wartet nun auf die Antwort der Unternehmung.
    Nach einem Zeitraum von ca. sechs Wochen ruft der Bewerber bei dem Unternehmen an um mal nachzuferagen, wie es mit seiner Bewerbung aussieht.
    Da bekommt er dann zu hören, dass sich eine Vielzahl auf diese besagte Position beworben haben und man wäre noch mit dem aussortieren beschäftigt.
    Wieso hat sich denn eine Vielzahl beworben ? Ich denke so viel Fachkräfte haben wir doch gar nicht. Also woher diese Vielzahl ?
    Alleine das sollte schon zum nachdenken anregen.

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  2. Udo Dinsing

    Hallo Michael !
    Das ist mit Sicherheit nur eine Marketingstrategie und eine verlogene noch dazu !
    Ich will es mal so formulieren.

    Mir persönlich ist kein Realunternehmer bekannt, der sich über einen Fachkräftemangel beklagt, sondern nur die sogenannten Möchtegernunternehmer ! (und von denen haben wir ja mehr als wie wir brauchen)

    Ich habe über ein Jahr recherchiert, mir die Jahresberichte der Handwerkskammern durchgelesen, mir die berufsbezogenen Abschlußprüfungen der Industrie angesehen. (natürlich nicht bei allen 11900 registrierten Akrtiengesellschaften)
    Ich habe mir die Zahlen der bestandenen Fort-und Weiterbildungsprüfungen angesehen. Alle Prüfungsabnahmen belaufen sich auf den Jahrgang 2013 – 2014.
    Ich habe mit Unternehmungen und mit Großkonzernen telefoniert.
    Ich habe diverse Unternehmungen persönlich besucht und vor Ort mit den Leuten gesprochen. Nix mit Fachkräftemangel !

    Und das Ergebnis habe ich in dem neuen Buch veröffentlicht mit Quellenangabe.
    Titel: „Fachkrtäftemangel in Deutschland ? – Ein Lügenmärchen der Politik und der Wirtschaft !“
    Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass man das Volk mit dieser Aussage belügt um eine Zuwanderung (von angeblichen Fachkräften) zu rechtfertigen.
    Darüber hinaus stimme ich einem BWL-Prof. zu der gesagt hat, „Fachkräftemangel nein, aber Fachlohnmagel ja“.
    Gruß, Udo

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  3. Bernd Seuren

    Lieber Herr Haerlin, liebe Kommentatoren!
    Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich dem oben gesagten nur zustimmen; alle diese Erfahrungen habe ich auch gemacht und noch mehr. Den Begriff „Fachlohnmangel“ finde ich eine treffende Beschreibung für das Problem, das eigentlich gar keines ist, sondern m.E. nur die Preise (Löhne) drücken soll!!
    GruB
    Bernd Seuren

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