Carlos Frischmuth

„Wir brauchen echte, nachhaltige Ansätze“ – so lautete mein Credo in meinem ersten Blogpost zum Thema Fachkräftemangel und wie wir ihm am besten begegnen. Natürlich gibt es nicht die eine Lösung, sondern ein Paket von – idealerweise aufeinander abgestimmten – Maßnahmen auf der staatlichen wie privatwirtschaftlichen Ebene. Eine dieser Maßnahmen besteht darin, Frauen noch besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dadurch wäre zwar nicht alles gelöst, aber ein wichtiger Baustein gesetzt, um den zunehmenden Fachkräftemangel anzupacken.

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen dazu alles andere als schlecht aus: Gut drei von vier Frauen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren waren im letzten Jahr erwerbstätig. Die Frauenerwerbsquote ist kontinuierlich gestiegen, selbst im Corona-Jahr 2020. Vor den Männern müssen sich Frauen damit kaum mehr verstecken. Auch im europaweiten Vergleich steht die deutsche Frauenerwerbsquote gut da. Sie bewegt sich mittlerweile auf dem Niveau der skandinavischen Länder, das jahrelang den Maßstab bildete.

 

Viele erwerbstätige Frauen arbeiten in Teilzeit

Was ist also der Haken an diesen erfreulichen Zahlen? Nun, viele erwerbstätige Frauen arbeiten nicht voll, sondern in Teilzeit. Vor allem, wenn sie – was nicht überraschend ist – Mütter sind. Dies verdeutlicht ein kleiner Blick in die Statistik: Zwei Drittel der Frauen mit minderjährigen Kindern arbeiten in Teilzeit. Bei Männern in der gleichen familiären Lage sind es gerade einmal sechs Prozent. Diese Zahlen aus dem Jahr 2019 sprechen Bände. Von einer adäquaten Verteilung der familiären Lasten sind wir noch meilenweit entfernt, obwohl sich in den letzten Jahren etwas bewegt hat. In Sachen Gleichberechtigung ist dies bitter notwendig. Den Fachkräftemangel würde eine gerechtere Verteilung der Teilzeitarbeit auf Männer und Frauen jedoch kaum lösen, sondern nur geschlechtlich verlagern.

Denn es gibt Gründe, weshalb sich Frauen nach der Geburt ihrer Kinder bis auf Weiteres aus dem Berufsleben verabschieden. Einen dieser Gründe belegen auch hier statistische Zahlen: Das Angebot an Betreuungsoptionen für Kinder ist in Deutschland offen gesagt einfach noch zu bescheiden. Zwar verkündete das statistische Bundesamt im März 2020 stolz, dass die Tagesbetreuungsquote für unter dreijährige Kinder auf 35 Prozent gestiegen sei. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass für viele kein adäquates Angebot vorhanden ist. Eltern müssen daher meist private Lösungen finden, was eben nicht selten dazu führt, dass Frauen zu Hause bleiben. Und das trotz des bundesweiten Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Diesen heiß begehrten Kita-Platz zu finden gleicht oft einem Lotteriespiel.

 

Weiterhin schwierige Betreuungssituation in Deutschland

Die gute Nachricht für die meisten Regionen in Deutschland: Für die Drei- bis Sechsjährigen sieht es mittlerweile prima aus, weit über 90 Prozent haben ihren Platz. Doch sobald die Kinder in die Schule kommen, wird die Betreuungsfrage sofort wieder zum Thema. Hier sind Betreuungsplätze nach der offiziellen Unterrichtszeit am Nachmittag knapp bemessen. Einen Rechtsanspruch für Grundschulkinder soll es erst ab 2026 geben. Wechseln die Kinder dann aufs Gymnasium, setzen viele Lehrerinnen und Lehrer voraus, dass Eltern ihre Kinder intensiv unterstützen. Das ist ein absolutes No-Go für eine führende Wirtschaftsnation wie Deutschland und in diesem Punkt ein politisches Fehlversagen auf ganzer Linie!

Das alles bedeutet: Viele Frauen sind nicht nur über die ersten Lebensjahre ihrer Kinder gebunden, sondern wesentlich länger. Beruflich heißt das für die Frauen, über längere Zeitstrecken in Teilzeit zu arbeiten – sonst ist die Karriere in der bisherigen Laufbahn schnell zu Ende. Zumal viele Unternehmen noch in klassischen Kategorien denken und auf biografisch später anlaufende Karrieren keine guten Antworten parat haben. Die traurige Bilanz: Kinder sind nach dem aktuellen Stand nach wie vor für viele Frauen ein Karrierekiller. Wer verdenkt es ihnen, dass sie dann nicht wieder komplett aufstocken, wenn ihre Kinder „aus dem Gröbsten raus sind“. Für den Fachkräftemangel in unserer Volkswirtschaft ist dies jedoch fatal.

Was lehrt uns dies? Zum einen, dass der Staat weiterhin dringend gefordert ist, die Kinderbetreuung zu verbessern, nicht nur für die Kindergarten- sondern auch für die Schulzeiten. Gekoppelt mit einer längst überfälligen standesgemäßen Bezahlung der pädagogischen Berufe. Das ist bis heute ein Unding. Land auf, Land ab stets viel beschworen, dennoch ist nichts passiert. Darüber hinaus sollte die Gesetzgebung dringend die Rahmenbedingungen flexibilisieren: Kann es sein, dass der Switch von Teil- in Vollzeit immer noch ein bürokratischer Kraftakt ist? Und können wir die Regelungen zur Elternzeit nicht für alle Beteiligten geschmeidiger und mit einem engeren Bezug zum echten Leben halten?

 

Auch Unternehmen sind gefordert Wege aus dem Fachkräftemangel zu finden

Für Unternehmen ist es ein Leichtes, sich hinter gesetzlichen Regelungen zu verschanzen und im Nichtstun einzurichten. Doch sie sind genauso gefragt, Frauen mit Kindern berufliche Wege offenzuhalten. Natürlich gehören flexible Arbeitszeiten und -modelle dazu, genauso wie sensible Führungskräfte, die ein Gespür für die Belange berufstätiger Mütter haben. Und HR-Bereiche, die sich nicht nach Paragrafen, sondern nach Menschen ausrichten.

An Letzterem krankt es jedoch – stattdessen regiert die Bürokratie. So wird von Müttern kurz nach der Geburt ihrer Kinder verlangt, konkrete Termine für die Dauer ihrer Elternzeit zu melden. Obwohl sie noch kein klares Bild über ihre Rückkehr haben und noch nicht einschätzen können, wie sie die komplett neue Lebenssituation für sich meistern können. Was dagegen nicht passiert, ist, dass sich HR und Führungskräfte offen und ehrlich mit Müttern über ihre weitere Karriereplanung austauschen und individuelle Modelle skizzieren. Spricht zum Beispiel etwas dagegen, Mütter in Elternzeit in befristete Projekte einzubinden? Oder Führungsaufgaben zwischen zwei Beteiligten zu teilen, sprich: Tandem-Führungsmodelle? Das hat sich in der Praxis längst bewährt. Führungskräfte müssen dabei aber auch besser durch Trainings begleitet werden, denn zwischen Performance-Management und Menschlichkeit müssen gerade sie den Spagat meistern.  

Es gibt viel zu tun. Wenn wir das nicht zeitnah in unserem Land anpacken, Wirtschaft und Politik gemeinsam, fehlt uns mittelfristig nicht "nur" ein dringend benötigtes Mehr an qualifizierter Arbeit und den dringend benötigten Kompetenzen!

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