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Früher war bekanntlich alles nicht nur besser, sondern auch klarer strukturiert. Da war es uns oft noch möglich, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Und heute? Schauen wir auf den Arbeitsmarkt: Bis vor geraumer Zeit war es recht eindeutig, dass der Arbeitsmarkt nach unten geht, wenn die Konjunktur schwächelt.

Arbeitsmärkte haben eigene Logik

Jetzt zeichnet sich ein anderes Bild ab. Zwar sind wir gerade in Sachen Wirtschaftswachstum in einer Talsohle. Und die Indikatoren deuten nicht auf eine wieder anziehende Konjunktur hin. Aber die Arbeitsmärkte scheint dies nicht zu berühren, sie bewegen sich in ihrer eigenen Logik. Ein gutes Beispiel gibt unser Fachkräfte-Index für das letzte Quartal, also den Zeitraum von Juli bis September 2014. Er basiert auf der Auswertung aller Stellenanzeigen in den wichtigen Tageszeitungen und Online-Jobportalen. Unbeeindruckt ist die Zahl der gesuchten Spezialisten über alle zentralen Arbeitsbereiche hinweg angestiegen – und das zum Teil spürbar, wie in Construction & Property sowie Life Sciences.

Woran dies liegt, ist nicht einfach zu beantworten. Sicher hinkt der Arbeitsmarkt meist den konjunkturellen Eintrübungen hinterher. Nur verläuft das Wachstum schon seit Monaten schleppend und dies müsste sich eigentlich auf dem Arbeitsmarkt längst widerspiegeln. Das stützt meine These, dass sich der Arbeitsmarkt von den konjunkturellen Schwankungen zumindest im Segment der Hochqualifizierten abkoppelt.

Demografie und neuer Zeitgeist treiben die Entkoppelung an

Was diese Entkoppelung antreibt, sind aus meiner Sicht vor allem die folgenden zwei Punkte: Da ist zum einen die vielbeschworene Demografie zu nennen – mittlerweile arg strapaziert, aber nichtsdestotrotz wissen Unternehmen um das kostbare Gut der Fachkräfte, auch wenn sich geschäftliche Durststrecken auftun. Der Reflex, dann gleich die Mitarbeiterschaft einzudampfen, hat in den letzten Jahren merklich nachgelassen. Unter anderem aufgrund der Erfahrung, dass es, sobald die konjunkturelle Lokomotive wieder Fahrt aufnimmt, oft zu lange dauert, dies in bare Münze umzuwandeln, da die Fachkräfte fehlen. Und die fehlen künftig noch viel mehr, wenn die Babyboomer sich aus den Unternehmen verabschieden und die Lücken mit den geburtenschwachen Jahrgängen nicht mehr zu stopfen sind.

Der zweite Punkt, der den recht grundlegenden Wandel im ethischen Verhalten von Unternehmen bedingt, ist aus meiner Sicht dieser: Es ist nicht mehr zeitgeistig, „hire and fire“ zu betreiben. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur ökologischer zu produzieren, sondern auch mit Mitarbeitern achtsam umzugehen. Das erwarten die Partner, das Umfeld – die berühmten „Stakeholder“. Unternehmen, die sich noch in der alten Welt bewegen, halten nun schlechte Karten in der Hand. Hier schließt sich auch wieder der Kreis zur Demografie.

Flexible Arbeitsformen schützen Stammbelegschaft

Natürlich gibt es noch Rahmenbedingungen, die diese positive Entwicklung der stabilen Arbeitsmärkte stützen. Ich nenne das Instrument der Kurzarbeit, das in der letzten Krise 2007/2008 geholfen hat. Und sicher geht es Unternehmen trotz schwächerer Märkte immer noch gut, sodass sie nicht gleich entlassen müssen. Zuletzt genannt sei auch die wachsende Zahl an Freiberuflern, die Unternehmen agiler machen. Sie sorgen eben nicht dafür, die Festangestellten zu reduzieren, sondern schützen diese. Und vielleicht ist ja alles auch viel trivialer: Den meisten Unternehmen geht es noch so gut, dass sie weiter Mitarbeiter benötigen, um ihre Kunden zu bedienen. Nur wäre dann bei stagnierender Konjunktur zu hinterfragen, was dies für die Produktivität und Effektivität bedeutet. Aber das ist ein anderes Thema.

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