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Machen wir uns nichts vor: Wir betrachten die Realität sehr eingeschränkt. Gespeist durch unsere leibhaftigen Erfahrungen und genetischen Dispositionen. Das gilt natürlich auch für die Art und Weise, wie wir die Arbeitswelt erleben.

Und wenn ich verarbeite, was ich so alles tagtäglich intellektuell konsumiere, dann entsteht in mir folgendes Bild: eine Arbeitswelt, die voll flexibel ist. Zeitlich wie räumlich. In der es viele Selbstständige gibt, weil es nicht mehr hip ist, lohnabhängig zu sein. In der wir uns entfalten und uns nach einem erfolgreichen Projekt auf völlig neue Pfade begeben. Routine ist Müll, es lebe die Selbstverwirklichung.

Die Arbeitswelt als Tunnel

Ist das wirklich so? Pustekuchen. Was ich Ihnen gerade zum Besten gegeben habe, ist, wie ich diese Arbeitswelt abbilde. Aber noch lange nicht Ihre. Ich lebe auch im Tunnel. Sehr hilfreich für diese alles andere als neue Erkenntnis war die Lektüre der Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ von nextpractice

Die aktuelle Studie zeigt auf: Unsere Arbeitswertewelten sind viel komplexer als mein gerade skizziertes Bild. Und bei weitem nicht so individuell und auf Selbstverwirklichung pochend. Um die vier Pole Selbstentfaltung und Stabilität sowie Gemeinwohl und Leistung kreisen laut nextpractice sieben Wertewelten.

Und die stärkste ist nicht, sich über Arbeit selbst zu verwirklichen. In diesem Milieu sind nur 10 Prozent der Befragten anzusiedeln. Nein, es ist vielmehr das klassische Paradigma, sorgenfrei von Arbeit leben zu können. 30 Prozent bevorzugen diese Wertewelt, in der sie keine materiellen Sorgen haben und in einer sicheren Gemeinschaft leben.

Von der Solidargemeinschaft zum Einzelkämpfer

Und gegen das alte gewerkschaftliche Ideal einer Solidargemeinschaft (neun Prozent) stehen die Protagonisten, die glauben, Wohlstand gelte es hart zu erarbeiten (15 Prozent). Vielleicht meinen Sie jetzt, diese sieben Wertewelten ließen sich schön ordentlich nach soziodemografischen Merkmalen sortieren.

Nach dem Motto: Die jungen Hochqualifizierten stecken in der Schachtel Selbstverwirklichung und Work-Life-Balance; für die älteren Facharbeiter passt dagegen das Werte-Etikett Selbstverwirklichung.

Ich muss Sie leider enttäuschen. Natürlich gibt es leichte Tendenzen in diese Richtung. Aber sie sind nicht deutlich ausgeprägt.  Die Wertehaltungen über das Arbeiten 4.0 sind also scheckig. Noch viel spannender ist: Sie widersprechen sich in vielen Punkten oder lassen sich zumindest nur sehr schwer in eine für alle passende Balance bringen.

Flexibilität als zweischneidiges Schwert

Beispiel Flexibilität: Für einige Milieus ist das wunderbar, bedeutet es doch für sie mehr Freiheit, wie sie ihre Arbeit gestalten. Work-Life-Balance selbstbestimmt. Für andere Wertevertreter ist Flexibilität dagegen mit hohem Druck verbunden – sie hätten gerne die geregelte Welt der Stempelkarten zurück. Paternalistische oder individuell-freiheitliche Welten.

Es bleibt spannend und alles andere als berechenbar. Nur eines scheint sicher: Unsere Sicht auf die Arbeitswelt ist nicht der Nabel der Realität. Sondern begrenzt. Wenn wir die Werte anderer als legitim akzeptieren, wäre schon viel geholfen.

PS: Gestatten Sie mir noch einen Kommentar. Ich glaube stärker an solche Wertemilieu-studien als daran, Generationen zu typologisieren. Letzteres ist schlicht, Milieus komplexer. Daher werden sie der Welt etwas mehr gerecht.

 

 

 

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