Seit wir in Deutschland über den Fachkräftemangel diskutieren, reden wir auch über die Einwanderung von qualifizierten Fachkräften. Zumindest die Wirtschaft tut dies recht forsch. Getragen von der berechtigten Sorge, dass der millionenfache Abgang der Babyboomer-Generation in Richtung Rente über binnenmarktbezogene Aktivitäten nicht zu kompensieren ist. Willkommen zum vierten Beitrag in meiner kleinen Reihe zu den möglichen Antworten auf den Fachkräftemangel, der sich heute um Zuwanderung dreht.

400.000 Zuwandernde, nicht innerhalb einer Dekade, sondern jährlich, benötigt die deutsche Wirtschaft, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. So lautete vor kurzem die Aussage von Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Das ist tatsächlich eine hohe Hausnummer und gleichwohl eine angebrachte Zahl – verlieren wir doch in Kürze ca. eine Million Beschäftigte pro Jahr. Trotzdem: Wenn Sie diese Zahl im Kopf durchdenken, geht es Ihnen vielleicht ähnlich wie mir. Sie liegt eigentlich jenseits unserer Vorstellungskraft, haben wir uns doch in Sachen Zuwanderung bis heute alles andere als mit Ruhm bekleckert. Laut konservativen Kreisen der Wissenschaft sollten wir mit ca. 200.000 Zuwandernden pro Jahr auskommen, doch es wird zunehmend deutlicher, dass uns dies nicht ausreichen wird. Gibt es überhaupt valide Anzeichen dafür?

 


Alte Greencard blieb Muster ohne Wert

Erinnern Sie sich noch an die Green-Card-Diskussion? Während der Jahrtausendwende ins Leben gerufen, um IT-Fachkräfte nach Deutschland zu holen, hat sie in vier Jahren gerade mal gut 13.000 IT-Sachkundige nach Deutschland gezogen. Danach wurde sie mehr oder weniger still beerdigt. Ahnungslose Kritiker und Kritikerinnen protestierten mit kruden Aussagen wie „Kinder statt Inder!“. Was für ein Blödsinn. Denn diese Anzahl wäre, rechnen wir in den heutigen Dimensionen, die der BA-Vorstand Scheele skizziert hat, auf vier Jahre gerade mal ein Prozent.

Besser ist es nicht geworden – ein wahres Trauerspiel bis in die heutige Zeit. Nun ja, zugegeben, seit März 2020 haben wir endlich ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Aber auch dieses gut gemeinte Gesetz erzeugt wenig Sogwirkung. Bescheidene 30.000 Menschen haben es im letzten Jahr genutzt, um nach Deutschland einzuwandern. Okay, Pandemiezeiten, gekauft. In diesem Jahr geht es zum Glück wieder etwas besser voran. Das Auswärtige Amt hat im ersten Halbjahr 2021 knapp 26.000 Arbeits-Visa erteilt. In Relation zu den benötigten 400.000 Zuwandernden (oder selbst 200.000), ist diese Zahl allerdings mehr als bescheiden.  

Woran es liegt, dass die Zuwanderung nicht sprudelt? Klicken Sie mal auf den obigen Link und fräsen sich durch den Gesetzestext. Bitte lesen Sie das Ganze aus der Perspektive eines Nicht-Muttersprachlers oder einer Nicht-Muttersprachlerin, denen unsere verklausulierte Sprachwelt fremd ist. Deutsche Bürokratie at its best. Wer tut sich so etwas freiwillig an? Es überrascht nicht, dass Unternehmen das Gesetz daher kritisieren. Die Hürden für zuwanderungswillige Fachkräfte sind immer noch viel zu hoch.

Auf europäischer Ebene läuft die Zuwanderung leider keinen Deut besser. Vor kurzem wurde daher eine neue Version der bereits seit 2009 bestehenden Blauen Karte EU auf den Weg gebracht. In der Hoffnung, dass sich aufgrund ihrer gelockerten Einreiseregeln mehr Hochschulabsolventen und -absolventinnen auf den Weg in die EU machen. Aber wer sich die Bestimmungen zu Gemüte führt, atmet auch hier den bekannten Geruch europäischer Bürokratie ein.  

 


Kanada lässt grüßen

Dagegen wird das vielgerühmte kanadische Punktesystem für Zuwanderung von einem anderen Spirit getragen. Hier dominiert nicht Bürokratie, sondern Transparenz – für beide beteiligten Parteien, Zuwandernde und Aufnehmende. Wer nach Kanada einwandern möchte, bewirbt sich auf der Website der Einwanderungsbehörde. Aus Qualifikation, Sprachkenntnis und Alter sowie weiteren Faktoren errechnet sich für alle Bewerbenden ein Punktestand. Dieser so entstehende „Pool“ an potenziellen Einwandernden wird regelmäßig mit dem aktuellen Bedarf auf dem kanadischen Arbeitsmarkt abgeglichen. Entsprechend ihrer Qualifikation werden dann Kandidaten und Kandidatinnen aus dem Pool gebeten, sich formal für die Einwanderung zu bewerben.

Das heißt: Die Einwanderungsregelungen in Kanada sind – im Vergleich zum deutschen Gesetz und der europäischen Blue Card – nicht nur transparent, sondern auch effizient und nachfrageorientiert. Die Leitfrage ist hier: Was braucht das Land? Kein Wunder, dass innerhalb der kanadischen Gesellschaft Einwanderung und ihre Notwendigkeit nicht (mehr) infrage gestellt werden. Vielmehr herrscht dort ein breiter Konsens in der Bevölkerung.

Damit sind wir bei einem zweiten wichtigen Punkt angelangt. Einwanderung funktioniert, wenn sie von der aufnehmenden Gesellschaft getragen wird. Obwohl Deutschland längst ein beliebtes Einwanderungsland geworden ist, tun wir uns als Gesellschaft noch schwer, Einwanderung von (Hoch-)Qualifizierten anzunehmen und konstruktiv mit ihr umzugehen. Eigentlich sollte dies in einer global und an Export orientierten Wirtschaft wie Deutschland selbstverständlich sein. Möglicherweise hindert unsere Geschichte uns daran, weil wir mental noch etwas mit dem Begriff „Gastarbeiter“ bzw. „Gastarbeiterin“ verhaftet sind. Auch die temporäre staatliche Überforderung bezüglich der Flüchtlingswellen und die daraus resultierende ideologische Politisierung aus verschiedenen Richtungen haben das wichtige Thema vergiftet.  Nur gewinnen wir so weder einen Blumentopf noch ziehen wir genügend Talente und Fachkräfte an.

Mein Vorschlag lautet daher: Zuwanderung muss aktiv gestaltet werden. Nicht nur an einer „Willkommenskultur“ muss gearbeitet werden, sondern auch an einer nachhaltigen gesellschaftlichen Integration der Menschen, die Deutschland als neue Heimat ausgewählt haben und sich hier Chancen ausrechnen. Das schließt keineswegs aus, sondern spricht im Gegenteil viel mehr dafür, dass wir uns immer wieder darüber verständigen, für wie viele Menschen wir die Türen öffnen wollen und können. Kanada lässt grüßen.

Wenn wir also unbürokratischer handeln und an einer wirklichen Integration von Einwandernden arbeiten, entwickelt sich hoffentlich die Strahlkraft, die wir benötigen, um die 400.000 Personen pro Jahr aus dem Ausland nach Deutschland zu ziehen. Politik und Wirtschaft müssen sich schnellstens gemeinsam auf die Hinterbeine stellen und ein internationales Rekrutierungsprogramm einleiten. Gute Beispiele finden sich im Kleinen bereits – so etwa die Kampagne „Make it in Germany“ (https://www.make-it-in-germany.com) der Bundesregierung. Dennoch werden diese zaghaften Bemühungen bei weitem nicht ausreichen. Die Gesellschaft muss jetzt schnell umschalten, und wir bei Hays werden, als weltweit führendes Rekrutierungsdienstleistungsunternehmen, im Rahmen unserer Möglichkeiten den größtmöglichen Beitrag dazu leisten. Versprochen!

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