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Meteorologen haben in ihren Wetterberichten irgendwann die „gefühlte Temperatur“ eingeführt, zusätzlich zur tatsächlich vom Thermometer gemessenen. Gefühlt müsste auch schon jede zweite deutsche Stellenausschreibung längst einen digitalen Job betreffen. Gefühlt deshalb, weil die traditionellen Industrien zur digitalen Transformation angehalten sind, sonst verpassen sie die Zukunft. Doch wenn alle das gleiche digitale Lied anstimmen und sich sogar Politiker aufgerufen fühlen, Digitalisierung als Schlagwort in Wahlkämpfen zu führen, helfen manchmal nüchterne Fakten, um einen Hype zu erden.

Eher mickrige Zahlen im Big-Data-Arbeitsmarkt

Gemäß aktueller Erhebung eines Jobportals entfielen in einem Zwei-Jahreszeitraum von 14 Millionen ausgeschriebenen Stellen rund 12.300 auf den Bereich der digitalen Transformation. Wow! Knapp 0,09 Prozent entfallen also auf die gezielte Suche nach Experten für digitale Zukunft. Multiplizieren wir die letztgenannte Zahl großzügig mit dem Faktor 10, um auch alle Jobs zu erfassen, die lediglich am Rande mit digitalem Know-how zu haben, kommen wir auf einen Anteil von knapp 1 Prozent Anteil digitaler Jobangebote.

Ein weiterer Aspekt sorgt für noch mehr Turbulenzen im allgemeinen Industrie-4.0-Auftrieb. Der digitale Trend sollte zwangsläufig mit flexibler organisierten Arbeitswelten einhergehen. Neben angeblich glücklichen IT-Nomaden und erfolgreichen selbstständigen IT-Experten, sollten insbesondere Mitarbeiter hochbegehrt sein, die als Festangestellte gerne von unterwegs oder von zu Hause arbeiten.

Eine zunehmende Tendenz von immer mehr mobilen Arbeitnehmern oder Homeoffice-Angestellten wäre ein brauchbarer Indikator für zunehmenden digitalen Wandel. Doch auch hier bietet besagte Studie eher Ernüchterndes: In gerade einmal 1.400 Stellenausschreibungen wiesen die Arbeitgeber ausdrücklich auf diese Möglichkeit hin. Das ergibt eine anteilige Quote im Promillebereich – gemessen an „Jobs mit persönlicher Präsenz vor Ort“.

Digitalisierung noch im Dornröschenschlaf?

Zunächst geben solche Zahlen allen Skeptikern Nahrung, die gerne auf die Euphorie-Bremse treten, was den geforderten Übergang der Realwirtschaft ins digitale Zeitalter betrifft. Ein direkter Ertragsvergleich zwischen einem Automobilkonzern, einem Social-Media-Portal und einem E-Commerce-Händler beantwortet vielleicht die Frage, ob etwas mehr digitale Contenance ihre Berechtigung hat. Für das Geschäftsjahr 2017 vermeldeten drei repräsentative Marktführer ihrer Branche folgende Zahlen, hier der Einfachheit halber als Circa-Werte beziffert:

  • Daimler-Konzern: 15 Mrd. Euro Nettogewinn, 290.000 Mitarbeiter, ca. 52.000 € Gewinn pro Mitarbeiter
  • Facebook: 16 Mrd. Euro Nettogewinn, 28.000 Mitarbeiter, ca. 571.000 € Gewinn pro Mitarbeiter
  • Amazon: 3 Mrd. Euro Nettogewinn, 566.000 Mitarbeiter, ca. 5.300 € Gewinn pro Mitarbeiter

Facebook erzielt mit einem Zehntel der Belegschaft einen ähnlichen hohen Gewinn wie Daimler und schafft sogar den zehnfachen Pro-Kopf-Gewinn. Amazon kommt mit einer diesbezüglich vergleichsweise „schwachen“ Performance schon eher unserer Vorstellung entgegen, dass auch E-Commerce nicht ohne handfeste Manpower funktioniert.

Immerhin zwei Milliarden digitale Teilzeitkräfte bei Facebook

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Argwohn beobachtet die Realwirtschaft, dass Gewinne und Börsenwerte von rasant wachsenden digitalen Start-ups anders entstehen als an ihren eigenen Fließbändern und Werkbänken. Zu Recht weisen Skeptiker darauf hin, dass die Werte zahlreicher Social-Media- oder E-Commerce-Portale durch das aktive Zutun der User selbst entstehen.

Wenn ein Konzern wie Facebook über 2 Milliarden Nutzer hat, so handelt es sich gleichzeitig in gewissem Maße auch um 2 Milliarden freiwillige Mitarbeiter, die den kommerziellen Ertrag und Börsenwert dieses Unternehmens realisieren. Auf solche Ressourcen können die Metallverarbeitung, die Chemie- und Pharmabranche und der Maschinenbau nicht zurückgreifen; das Handwerk erst recht nicht. Dort könnte ein sich selbst vermehrender Algorithmus auch nicht den inneren Sinn von Handwerksberufen erfüllen: handwerkliche Qualität.

Fazit

Deutschlands Großkonzernen ist genügend natürliche Intelligenz zuzutrauen, (noch) allzu abwegige Potenziale künstlicher Intelligenz zu beurteilen. Wenn Braunkohle als Energieträger abbaut, benötigt es verhältnismäßig wenige IT-Experten, um die Braunkohle anschließend zu digitalisieren. Und wenn das Schürfen eines einzigen Bitcoins mehr Strom frisst, als zehn Durchschnittshaushalte in einem Jahr verbrauchen, scheint eine gewisse Entschleunigung vielleicht sogar geboten.

Kommentare


  1. Fritz

    Der Beitrag berücksichtigt nicht die gesamte Entwicklung der immer mehr benötigten Fähigkeiten mit IT umgehen zu können.
    Wenn Lieferdrohnen entwickelt sind, dann wird sich das bei Amazon bzw dem Logistik Sektors auch krass ändern.

    Nicht wirklich passend ist die Quote von 0,09 Prozent umschrieben
    Das ist meiner Meinung nach eher der härteste Kern des IT Bereiches und damit ist nicht der insgesamte Anstieg der Fähigkeit mit IT Geräten umgehen zu können berücksichtigt.

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