© eyetronic - Fotolia.com

In meinem letzten Blogpost habe ich die These aufgestellt, dass es mit dem Fachkräftemangel bzw. dem damit zusammenhängenden Leidensdruck in Deutschland nicht so weit her sein kann, wie gemeinhin behauptet wird. Immerhin sind die Zahlen zur Rekrutierung internationaler Spezialisten eher rückläufig – so z.B. auch im letzten HR-Report von Hays nachzulesen.

Besonders spannend fand ich dabei den Trend, dass sich internationale Rekrutierung – wenn sie denn überhaupt stattfindet – mittlerweile stärker auf unsere unmittelbaren Nachbarländer und insbesondere auf das deutschsprachige Ausland konzentriert. Die Gründe dafür sind leicht nachvollziehbar. Die Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt, ist eher eine andere: Verschlafen wir mit dieser Fokussierung auf das mitteleuropäische Ausland eventuell einen Trend? Daher möchte ich mich in diesem Blog vor allem mit dem Thema Rekrutierung von Fachkräften aus dem nicht europäischen Ausland beschäftigen und dies am Beispiel des wirklich interessanten Kandidatenmarktes China diskutieren.

China ist groß. Sehr groß. Und viele Menschen leben dort. Laut Statistischem Bundesamt sind es über 1,35 Milliarden Menschen. 2,4 Prozent davon studieren, 71,3 Prozent sind erwerbstätig, 4,6 Prozent arbeitslos. Natürlich sind nicht alle Erwerbstätigen hoch qualifizierte Fachkräfte. Aber viele verfügen über eine sehr gute Ausbildung und Berufserfahrung, die auch für den deutschen Arbeitsmarkt durchaus relevant sein könnte. Ist also China das Eldorado für die Kandidatensuche von morgen? Und müssen wir jetzt aktiv werden, damit wir dieses Potenzial für uns auch nutzen können?

China als Kandidatenmarkt in Erwägung ziehen?

Meine Meinung: Wir sollten uns zumindest mit diesem interessanten Markt beschäftigen. Und die Tatsache, dass laut HR-Report nur ein verschwindend geringer Anteil der Unternehmen, nämlich gerade einmal 6 Prozent, China als potenziellen Kandidatenmarkt in Erwägung zieht, zeigt, dass wir hier möglicherweise eine Chance verschlafen.

Wie sieht es also in China aus? Schaut man auf die Beschäftigungs-, Studierenden- und Arbeitslosenquoten, so wird deutlich, dass sich gut qualifizierten Fachkräften auch in China selbst spannende Jobperspektiven bieten. Aus Gesprächen mit meinen Kollegen, die in China vor Ort in der Personaldienstleistung tätig sind, weiß ich, dass dort bereits ein ausgeprägter „War for Talents“ herrscht. Die jährliche Mitarbeiterfluktuation liegt dort bei durchschnittlich etwa 20 Prozent, aber auch Quoten bis zu 30 Prozent sind in großen Unternehmen keine Seltenheit. Die Firmen müssen sich anstrengen, um ihren Mitarbeitern einen Arbeitsplatz zu bieten, an dem diese auch gerne verweilen. Und der entscheidende Faktor dabei ist bei Weitem nicht nur ein attraktives Gehalt. Auch Unternehmenskultur, Entscheidungsprozesse, die Qualität des Managements und persönliche Entwicklungsperspektiven werden von den chinesischen Fachkräften kritisch bewertet. Und mit den Auswirkungen der Ein-Kind-Politik wird sich dieser Wettbewerb um die Besten vermutlich noch verschärfen.

China ist ein spannender Kandidatenmarkt

Mein Fazit: China ist ein sehr spannender Markt für Talente, und wir sollten die dort vorhandenen Potenziale nicht außer Acht lassen. Aber wir sollten auch nicht glauben, dass man in China nur darauf wartet, dass deutsche Unternehmen ihre Rekrutierungsfühler dorthin ausstrecken. Um hoch qualifizierte chinesische Fachkräfte davon zu überzeugen, nach Deutschland zu kommen, werden wir uns ordentlich ins Zeug legen müssen.

Kommentare


  1. Anna BeegerAnna Beeger

    Moin Maxim P.,

    sicher können sprachliche Barrieren eine Hürde sein, um ausländische Kandidaten im Deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Bei grundsätzlicher Offenheit aller Beteiligten ist diese jedoch durchaus überwindbar. Und die sehr gute Ausbildung vieler Chinesischer Fachkräfte schließt nach meiner Erfahrung oft auch Englisch- oder sogar Deutschkenntnisse mit ein.

    Beste Grüße
    Anna Beeger

    Antworten
  2. Eric Golbs

    Sehr geehrte Frau Beeger,

    ein sehr interessanter Punkt. In einen ähnlichen Ansatz habe ich vor zwei Jahren im Rahmen einer Studienarbeit „Inder statt Kinder?“ verfolgt.

    Fachkräftemangel, ja/nein, war nicht die Frage, jedoch die Möglichkeiten der Fachkräftesicherung durch Asiaten für den deutschen Mittelstand. Sicherlich gibt es hier viele Ansatzpunkte (Sprache und Kultur wurden in den Kommentaren bereits angesprochen), verschiedene „Markteintrittshürden“ zu diskutieren.

    Ich persönlich bin zunächst auf die Suchwege und Erfolgsquoten der Personalrekrutierung in Unternehmen eingegangen (IAB-Erhebung des Gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots (EGS) 2011). Gerade für kleine und mittlere Unternehmen spielt hier der persönliche Kontakt und die lokale Verwurzelung eine sehr große Rolle.

    Weiterhin stellte ich einen Vergleich der Hochschulen in Asien mit deutschen Hochschulen auf um die Qualität eines Absolventen (diese sind am ehesten mobil) zu ermitteln.
    Grundlage waren hier die verschiedenen Hochschulrankings (QS World University Ranking, Times Higher Education und Shanghai-Ranking).
    Von den QS TOP 500 Universitäten befinden sich 207 in Westeuropa, 17 in China, 7 in Indien, 5 in Malaysia, 1 in Pakistan (hier eigene vergleichende Auswahl). Besonders in Indien kommen Absolventen jenseits der Universitäten „1. und 2. Klasse“ nicht an das Niveau deutscher Hochschulen, teilweise deutscher Gymnasien heran.

    Im Endeffekt komme ich wie Sie zum gleichen Schluss, dass die „Fähigen“ vom Markt in Asien aufgesogen werden. Aufgrund der sprachlichen Ausbildung kommen meist auch nur USA, GB, Kanada und Australien für die Arbeit im Ausland in Frage.

    Um hochqualifizierte Fachkräfte davon zu überzeugen, nach Deutschland zu kommen, werden wir uns ordentlich ins Zeug legen müssen.
    Und vielleicht doch die Möglichkeiten, welche Europa bietet, nutzen müssen.

    Vielen Dank für den Hays-Blog und viele Grüße!

    Antworten
  3. Anna BeegerAnna Beeger

    Moin Herr Golbs,

    vielen Dank für Ihren Kommentar! Es freut mich dass Sie in Ihrer Studienarbeit zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Letztlich habe ich in meinem Blog das Thema natürlich eher an der Oberfläche angerissen, man kann es sicher viel umfassender und vielschichtiger diskutieren. Mir war dabei aber wichtig ein paar Denkanstöße zu geben. Der globale Wettbewerb um Talente existiert, und wir als eine der wichtigsten Volkswirtschaften auf diesem Planeten sollten uns bewusst machen was das für uns bedeutet.

    Viele Grüße
    Anna Beeger

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel