Wir haben unseren Kollegen Oliver Kowalski zu den Gehalts- und Karrierechancen für Ingenieure, trotz Pandemiebedingungen, befragt.

Das Gespräch führte Silvia Hänig.

Herr Kowalski, Corona hat dem Arbeitsmarkt für Ingenieurinnen und Ingenieure schwer zugesetzt. Laut aktueller Angaben von VDI und IW sackte die Nachfrage nach diesen Fachkräften in 2020 um ein Fünftel ab. Ist aktuell Erholung in Sicht?

Und ob: Die verarbeitende Industrie – wenn auch nicht alle Branchen – brummt aktuell wie zuletzt vor der Pandemie. Volkswirte sehen in diesem Jahr, also dem dritten und vierten Quartal, entsprechende Nachholeffekte, die einen signifikanten Konjunkturaufschwung bringen dürften. Das spiegelt sich auch in der Nachfrage nach Ingenieursfachkräften sowie deren Gehaltsniveau wider. Denn obwohl auch das produzierende Gewerbe Projekte stoppen oder ganz auf Eis legen musste, wirkte sich das nur sehr gering auf die jeweiligen Gehälter aus. Im Median lagen die Brutto-Jahresgehälter von Ingenieursfachkräften mit und ohne Berufserfahrung mit rund 60.000 EUR nur 1,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Maschinenbau, Elektrotechnik, Konstruktion oder Chemie: Wo gibt es derzeit die besten Job- und Gehaltsaussichten?

Laut aktueller Angaben des ZVEI leidet die Elektroindustrie noch unter coronabedingten Auftragseinbußen, die Chemie- und Pharmaindustrie machen hingegen gerade das andere Extrem durch. Hier kommt es zu regelrechten Nachfrage-Explosionen. Bezogen auf den Indikator Fachkräftenachfrage gehören Planungs- und Projektingenieursfachkräfte zu den Nachfrage- wie auch Gehaltsgewinnern. Schlechter sehen die Jobchancen hingegen für Entwicklungsingenieurinnen und -ingenieure für Antriebstechnik aus. Wobei man sagen muss, dass die Gehälter generell immer von beruflicher Erfahrung, individuellen Kompetenzen und Verfügbarkeiten abhängen.

Der Nachfrage-Rückgang im Bereich Antriebstechnik in der Automobilindustrie ist eher auf ein strukturelles Problem zurückzuführen. Der Mobilitätswandel wirkt sich immer deutlicher auf die Beschäftigungssituation von Ingenieuren und Ingenieurinnen aus. Mit der Transformation von der reinen Fahrzeugherstellung zum Mobilitätsangebot verändern sich Produktionswerte und Wertschöpfungsstränge und damit auch die Arbeitsanforderungen und Jobprofile. Schon heute werden im traditionellen Fahrzeugbau tausende Tätigkeiten, wie eben die klassische Antriebstechnik, nicht mehr gebraucht. Denn für die Erstellung eines Elektromotors sind die Kompetenzen von Elektrofachkräften gefragt. Zudem weiß mittlerweile jedes Unternehmen, dass das digitale Vorwärtskommen maßgeblich von der Softwareentwicklung abhängt. Auch das zeigen die Ergebnisse der Einkommensstudie bei Tätigkeiten mit großem technologischem Know-how.

 

Die Gehaltsstudie zeigt: In manchen Industrien sind sogar Traumgehälter jenseits der 100.000 Euro-Marke drin. Welche Qualifikationen müssen Fachkräfte mitbringen, um so ein Salär anpeilen zu können?

Auf diesem Gehaltsniveau befinden sich Abteilungs- und Bereichsleitungen, also Personen, die Fach- und Führungserfahrung in die Waageschale werfen können. Personalführung ist ein wesentlicher Einflussfaktor für die Vergütung. Dabei kommt es vor allem darauf an, für wie viele Personen man die Verantwortung trägt. Gehälter von Ingenieursfachkräften im Fach- und Projektbereich ohne Personalverantwortung liegen eher um die 50k bis 60k pro Jahr. Das sind immerhin durchschnittlich 11 Prozent mehr als in anderen Berufsgruppen gezahlt wird.

Die Gehaltsstudie verzeichnet in den vergangenen Jahren immer stärkere Zuwächse in der Zielgruppe „IT-Ingenieure“. Was macht gerade dieses Berufsbild für die Industrie so attraktiv und welche Gehälter sind zu erwarten?

Im Zeitalter von Digitalisierung und Industrie 4.0 sind Ingenieurinnen und Ingenieure mit technischem Know-how besonders gefragt. Letztere mit IT-Bezug und Informatikfachkräfte, die sich mit SAP, Projektmanagement oder IT-Betrieb auskennen, stehen beim Verdienst an der Spitze. Ebenfalls überdurchschnittlich verdienen sie in den Bereichen Netzwerk und Telekommunikation sowie IT-Beratung und IT-Security. Mit zunehmender Verantwortung vergrößert sich der Abstand der Gehälter von Akademikerinnen und Akademikern gegenüber anderen.

 

Zwar gleichen sich die Gehälter für weibliche und männliche Projekt-/Fachingenieure und -ingenieurinnen erfreulicherweise an, aber insgesamt begeistert sich immer noch zu wenig weiblicher Nachwuchs für diese Karriere. Warum ist diese berufliche Laufbahn trotz hervorragender Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten immer noch so unattraktiv für Frauen?

Generell sind die Einstiegs- und Aufstiegschancen für Frauen nicht schlechter als für Männer. Aber es gibt zu wenig Frauen für den Stellenmarkt. Das liegt sicherlich auch daran, dass bereits an Hochschulen die MINT-Berufe nicht besonders attraktiv für junge Frauen dargestellt werden. Dabei gilt es, auch Bereiche wie das Arbeiten in kollaborativen Teams sowie Dialog- und Problemlösungskompetenzen herauszustellen, anstatt einzig und allein immer nur auf die technischen Qualifikationen zu pochen. Die Arbeit im Ingenieurswesen entwickelt sich häufig zu einer kreativen und gestalterischen Aufgabe.

Was können also die Unternehmen konkret tun, um mehr Ingenieurinnen an Bord zu holen?

Mit der alleinigen Suche nach hochkarätigen Mitarbeitenden auf einem knappen Arbeitsmarkt gehen viele Unternehmen noch zu einseitig vor. Diese eher mittelfristig orientierte Strategie könnte aber auch durch kurzfristig angelegte Maßnahmen, z. B. externe Spezialistinnen reinholen, und eine langfristige Förderung der eigenen Mitarbeiterinnen flankiert werden. Gerade weil Ingenieurinnen noch zu selten anzutreffen sind, müssen sich Unternehmen bei deren Ansprache und Entwicklung besonders ins Zeug legen, Wiedereinstiegsmodelle etablieren, selbstverständlich auch Führungspositionen in Teilzeit und generell flexiblere Arbeitsmodelle anbieten. Sie müssen die Frauen stärker in deren Lebens-/Erwerbsphase adressieren.

 

Was raten Sie jungen Berufseinsteigern und -einsteigerinnen, die die Ingenieurslaufbahn verfolgen möchten? Welche konkreten Tipps geben Sie ihnen mit auf den Weg?

Das Wichtigste ist in jedem Fall dranbleiben und die Neugier bewahren, auch wenn es nicht beim ersten Mal klappt. Denn machen wir uns nichts vor: Die Einstiegschancen sind seit Corona für den Ingenieursnachwuchs ungleich schwieriger geworden. Interessante Industrien für den beruflichen Start sind aktuell tatsächlich der Fahrzeugbau (zum Beispiel autonomes Fahren oder funktionale Sicherheit) sowie die Chemie- und Pharmaindustrie. Aber auch der Bereich Energieversorgung ist nicht unspannend. Sie sollten sich in jedem Fall Richtung wachstumsstarke Industrien orientieren. Darüber hinaus ist es wichtig, die fachlichen Fähigkeiten schnellstmöglich mit Projekt- und Prozesswissen anzureichern. Eine gute Einstiegschance bietet momentan auch die Möglichkeit des „Job Shadowing“: Eine erfahrene Ingenieursfachkraft, die beruflich etwas kürzertreten möchte, lernt den Nachwuchs „on the job“ ein. Solche Modelle werden zumindest in den großen Unternehmen gerade erprobt.

Über Oliver Kowalski

Nach seinem BWL-Studium an der Uni Münster startete Oliver Kowalski im Jahr 2000 bei Hays in Düsseldorf. Dort baute er den Standort Düsseldorf mit auf und trieb insbesondere das IT Contracting Business weiter voran. 2011 übernahm er die deutschlandweite Verantwortung für den Auf- und Ausbau des Engineering Contracting. Nachdem er vier Jahre lang das Engineering Temp und Contracting für verschiedene Branchen verantwortet hatte, leitet er seit 2020 als Managing Director die Business Unit Region Nord-West.

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