Eine kurze, vollkommen unrepräsentative Umfrage im Kollegenkreis zum Thema „Was, glaubst du, macht Deutschland als Einwanderungsland attraktiv?“ erbrachte folgende Ergebnisse:

  • kein Tempolimit auf Autobahnen (5 Nennungen)
  • Bier (3 Nennungen – okay, es war am vergangenen Wochenende seeeeehr warm, das mag ergebnisverfälschend gewirkt haben)
  • unsere Autos (2 Nennungen)

Weiterhin Erwähnung fanden: Vollkornbrot. Unser Sozialversicherungssystem. Sowie Angela Merkel. Nun ja. Sicher alles wichtige Dinge, aber sind dies wirklich die ausschlaggebenden Faktoren, die eine ausländische Fachkraft dazu bewegen, den Schritt zu einem beruflichen und privaten Neustart in Deutschland zu wagen?

Die Zuwanderungszahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ein signifikanter Zuwachs ist vor allem aus den EU-Ländern zu verzeichnen, die besonders stark von der Finanz- und Schuldenkrise betroffen sind. Griechen, Spanier und Portugiesen sehen – neben Menschen aus vielen weiteren Nationen – offensichtlich in zunehmendem Maße ihre Zukunftsperspektive in unserem Land. Und das ist gut und wichtig.

Ist Deutschland ein attraktives Einwanderungsland?

Aber was sind denn nun die Gründe dafür? Glaubt man dem Tenor der themenbezogenen Medienberichterstattung, so könnte man den Eindruck gewinnen, die einzig relevanten Zuwanderungsgründe wären die wirtschaftliche Lage und die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen. Alle anderen Rahmenbedingungen stellen sich medial nämlich eher düster dar. Von einer nur schwer überbrückbaren Sprachbarriere ist immer wieder die Rede. Bürokratische Hürden für Zuwanderer werden angeprangert. Und über allem schwebt, gleichsam wie ein Mantra, das Klagelied über die „fehlende deutsche Willkommenskultur“. Überhaupt: Darf man die Frage „Was macht Deutschland zum attraktiven Einwanderungsland?“ überhaupt stellen? Sollte es nicht eher heißen: „Ist Deutschland überhaupt ein attraktives Einwanderungsland?“ Und: „Kann es das sein, wo doch alle Rahmenbedingungen so widrig sind?“

Ja, ja und nochmals ja! Deutschland ist attraktiv. Ja, die wirtschaftliche Lage ist besser als anderswo. Ja, qualifizierte Arbeitsplätze sind verfügbar. Und ja, auch deutsche Autos und deutsches Bier leisten sicher ihren Beitrag zu einem positiven Deutschlandbild im Ausland. Aber ich behaupte, es ist weit mehr als das. Es ist die Tatsache, dass ausländische Zuwanderer hier eine offene, liberale und überwiegend tolerante Gesellschaft vorfinden. In der Engagement, Leistungsbereitschaft und Fleiß häufig honoriert werden mit Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten. Und in der die Menschen eine Kultur des Miteinanders und der Solidarität pflegen, nicht nur bei Flutkatastrophen, sondern oft auch im Kleinen, ganz unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Ist das immer und überall so? Sicher nicht. Aber ich glaube ganz persönlich daran, dass Deutschland eines der besten Einwanderungsländer auf diesem Planeten ist. Und dass die Gründe dafür so vielfältig wie untersuchenswert sind. Vielleicht ist das ja mal ein wenig mediale Aufmerksamkeit wert. Es würde mich freuen.

Kommentare


  1. Graziella Barile

    „Es ist die Tatsache, dass ausländische Zuwanderer hier eine offene, liberale und überwiegend tolerante Gesellschaft vorfinden. In der Engagement, Leistungsbereitschaft und Fleiß häufig honoriert werden mit Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten.“

    Diesem kann ich nur widersprechen, denn dem ist nicht so!

    Ich selbst bin Ausländer und habe das „Glück“ gehabt hier aufgewachsen zu sein und die deutsche Schulbildung genossen zu haben. Aus diesem Grund bin ich den anderen Einwanderern klar im Vorteil und „den Deutschen“ sozusagen gleich gestellt, wenn man das so sagen kann, und kann die oben genannten Privilegien in vollen Zügen genießen. Aber was ist mit den Einwanderern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind? Die aufgrund der Sprachbarriere keine Chancen erhalten sich in Deutschland beruflich weiterzuentwickeln, selbst nach diversen Sprachkursen die mit Sehr gut abgeschlossen wurden? Die trotz anerkannten Studiums in Deutschland keinen Job finden, da das Deutsch nicht verhandlungssicher ist? Wir haben in Deutschland genug ausländische Fachkräfte, die den Job sehr gut wenn nicht noch besser ausführen könnten, aber man gibt ihnen keine Chance! Und das nennen Sie tolerant? Die Deutschen sind so auf ihre eigene deutsche Qualität und Prozesse fixiert, dass andere Nationalitäten keine Möglichkeiten bekommen sich zu beweisen und neue Ideen und Erfahrungen einzubringen. Man könnte ja nur voneinander lernen… Wie sieht es also in der Realität aus? Man wird abgewiesen, da keine Berufserfahrung in Deutschland vorhanden ist und bleibt frustriert zu Hause, wo sich die Zeit der Arbeitslosigkeit verlängert und immer schlechter und schlechter auf dem Lebenslauf aussieht…es ist ein Teufelskreis.

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  2. Anna BeegerAnna Beeger

    Hallo Frau Barile!

    In meinem Blogbeitrag schrieb ich ja dass sicher noch nicht immer und überall der Idealzustand einer offenen, toleranten und durchlässigen Arbeitswelt herrscht. In meiner beruflichen Wirklichkeit nehme ich es allerdings schon so war dass Unternehmen ganz gezielt ausländischen Mitarbeitern echte Chancen einräumen, und zwar auch dann wenn diese des Deutschen noch nicht verhandlungssicher mächtig sind. Auch jenseits von Diversity-Management-Strategien finden sich zahlreiche Beispiele für gelungene Integration ausländischer Fachkräfte, die dann eben auch bedarfsgerecht gefordert und gefördert werden. Und sei es durch einen vom Arbeitgeber finanzierten Sprachkurs. Einen „Teufelskreis“, wie Sie ihn beschreiben, habe ich bisher so nicht wahrgenommen. Wobei das selbstverständlich nicht heißen soll dass wir alle gemeinsam weiter an den Voraussetzungen arbeiten sollten, die Deutschland zu einem attraktiven Einwanderungsland machen.

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  3. Marianne Haid-Müller

    Hallo Frau Barile,

    Sorry, aber ich kann Ihre Einstellung nicht verstehen.
    In Frankreich bekommen Sie auch keinen qualifizierte Job, wenn sie kein Französisch können und in anderen Ländern auch nicht. Und verhandlungssicheres Deutsch? Sprachkurse helfen, wenn man will, die Sprache ausreichen zu beherrschen, um alles zu verstehen und sich soweit ausdrücken zu können, dass man eine Verhandlung führen kann. Mal ehrlich: Wie viele Deutsche beherrschen die eigene Sprache wirklich? Ich kenne genug Deutsche mit abgeschlossenem Studium und Muttersprache „Deutsch“, die keinen Job bekommen weil sie nicht verhandlungs-sicher Englisch sprechen können. Ist das gerecht…?

    Es gibt genügend Beispiele von gelungener Integration qualifizierter Mitarbeiter in „deutschen“ Unternehmen, man sollte Einzelfälle mich zu sehr überbewerten. Wer weiß ob es wirklich nur an der „Deutschen Sprache“ lag, dass eine Absage erteilt wurde.
    Ich finde es wird viel zu vorschnell auf solche Kleinigkeiten geschoben. Nicht jeder ist für den gewünschten Job trotz passender Ausbildung wirklich geeignet. Was nutzt der tollste Job, wenn man sich nicht wohl fühlt, weil man über- oder unterfordert ist, nicht in das Team passt oder keinen Spass am Aufgabengebiet hat?

    Es gibt für jeden eine echte Chance, man muss sie nur finden. Dabei ist es völlig egal welchen Pass man besitzt.
    MfG
    Marianne

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