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Gefürchtet und verflucht zugleich von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Personalverantwortlichen: Arbeitszeugnisse! Ein Schriftstück, das dem Arbeitnehmer in wahrer und wohlwollender Weise seine geleisteten Tätigkeiten bestätigt und Verhalten sowie Leistung beurteilt.

„Ein Instrument der Personalvorauswahl, mit dem die oftmals große Anzahl an Bewerbern vorgefiltert werden kann und fundierte Schlüsse auf die zu erwartende Arbeitsleistung gezogen werden können.“ So oder so ähnlich würde sich wahrscheinlich eine Beschreibung von Arbeitszeugnissen lesen. Wäre da nicht die Praxis, die so mancher guten Idee einen Strich durch die Rechnung macht.

Die Idee hinter Arbeitszeugnissen

Jeder Arbeitnehmer hat einen gesetzlichen Anspruch auf die Ausstellung eines Arbeitszeugnisses. Die Gewerbeordnung bestimmt, dass Arbeitnehmer dabei zwischen einem einfachen (Art und Dauer der Tätigkeit) und einem qualifizierten (zusätzlich mit Beurteilung zur Leistung und zum Verhalten) Zeugnis wählen können.

Dem Recruiter kommen Zeugnisse ebenfalls zugute: Er kann abgleichen, ob die im Lebenslauf aufgeführten Tätigkeiten mit denen im Zeugnis übereinstimmen. Das Zeugnis ist somit ein zuverlässiges Instrument, um aus 300 Bewerbern auf eine Stelle die richtigen fünf zum Gespräch einzuladen. Oder?

Arbeitszeugnisse in der Praxis

Arbeitszeugnisse sind in der Praxis leider nicht immer so charmant, wie sie auf dem Papier klingen. Zum einen stellt sich die Frage der Verständlichkeit. Haben Sie Ihr Arbeitszeugnis beim erstmaligen Lesen sofort verstanden? Auch ich musste bei meinen Arbeitszeugnissen manche Textbausteine nachschlagen, weil mir die Beurteilung nicht klar war.

In meiner Masterarbeit über das Thema „Arbeitszeugnisse“ habe ich drei Zeugnispassagen vorgegeben, die Personalfachkräfte mit den Schulnoten von „Eins“ bis „Sechs“ beurteilen sollten. Und Sie ahnen es: Nur bei einer Passage hat die Mehrheit der Personalfachkräfte richtig gelegen, der Rest war bunt verteilt.

Ich stelle mir somit die ernsthafte Frage, warum man sich das Chiffrieren des Arbeitspapiers antut? Sicherlich, Arbeitszeugnisse haben ihre Daseinsberechtigung. Die Universität Erlangen-Nürnberg untersuchte beispielsweise 2011 800 Arbeitszeugnisse. Das Ergebnis: 38 Prozent entsprachen einer Eins, 48 Prozent entsprachen einer Zwei bzw. einer Zwei-Komma-fünf.

Aufgrund der Tatsache, dass nahezu nur sehr gute und gute Arbeitszeugnisse im Umlauf sind, können Personaler so eine Art Negativfilterung betreiben. Zudem werden Bewerber, die kein Zeugnis vorlegen, noch einmal kritischer betrachtet und die Angaben aus dem Zeugnis werden mit dem Lebenslauf auf Stimmigkeit geprüft. Durchaus sinnvoll finde ich hingegen das Vorgehen in Frankreich oder in den USA.

Ein Blick über den Tellerrand

In Frankreich haben Arbeitnehmer ebenfalls einen gesetzlichen Anspruch auf ein Arbeitszeugnis. Allerdings beschränkt sich dieser Anspruch auf ein unserem einfachen Arbeitszeugnis entsprechendes Zeugnis, also ohne Leistungsbeurteilung. Der Vorteil? Keine Beurteilung von Leistung und Verhalten mit anschließendem Verpacken in Textbausteine und auf Unternehmensseite dem Decodieren von Textpassagen.

Übrigens auch ein sehr gefährlicher Aspekt von Arbeitszeugnissen: die Unternehmensgröße und Routine in der Zeugniserstellung der Personalverantwortlichen. Wer kann sicherstellen, dass die tatsächlich geleistete Arbeit mit der in Zeugnissprache festgehaltenen Beurteilung übereinstimmt und auch vom Leser genauso interpretiert wird?

In den USA beispielsweise gibt es überhaupt keine Arbeitszeugnisse. Hier wird vor allem mit Referenzen gearbeitet. Der Bewerbung werden Referenzschreiben beigelegt, die auf freiwilliger Basis von der ehemaligen Führungskraft erstellt wurden. In diesen Referenzschreiben werden ähnlich einem Arbeitszeugnis Leistung und Verhalten des Mitarbeiters beurteilt. Noch weiter verbreitet hingegen ist die Angabe von Referenzkontakten.

Unternehmen, die eine Bewerbung erhalten, können die angegebenen Personen (meist telefonisch) kontaktieren und sich direkt beim Vorgesetzten des Bewerbers eine Meinung über den Kandidaten einholen. Der Vorteil? Würden Sie eher zehn Seiten Geschäftspapier gespickt mit Floskeln zum Verhalten und zur Leistung, oder der uneingeschränkten Empfehlung eines Kollegen Glauben schenken?

Die Zukunft des Arbeitszeugnisses

Auch wenn manche Arbeitnehmer das nicht gern hören: Allein wegen eines sehr guten Arbeitszeugnisses wird heute nahezu kein Arbeitnehmer mehr eingestellt. Die heutige Personalauswahl besteht aus vielen unterschiedlichen Instrumenten, die am Ende des Personalauswahlverfahrens ein valides Bild des Bewerbers ergeben sollen. Unter anderem machen sich Unternehmen ihr Bild anhand von persönlichen Gesprächen, Assessment-Centern und Arbeitsproben.

Trotzdem: 45 Prozent der Befragten gaben in meiner Masterarbeit an, mehr als 35 Minuten für die Erstellung eines Zeugnisses zu brauchen – dabei entfallen mehr als zwei Drittel der Zeit auf die Erstellung des Beurteilungsteils. Spätestens wenn Sie Ausschnitte aus Ihrem Zeugnis googeln, wird ihnen schwarz auf weiß die entsprechende Note dargestellt.

Warum stellt man die Leistungen nicht gleich als Schulnote dar? Befürchtet man, ein Arbeitnehmer, der die Drei direkt beim Erhalt des Zeugnisses sieht, wird sich beschweren? Viele meiner Bewerber (vor allem aus dem Ausland) vermerken in ihren Bewerbungen einen Referenzkontakt. Bevor ich mich durch unzählige PDF-Seiten an Zeugnissen kämpfe, nehme ich lieber den Hörer in die Hand und lasse mir von der ehemaligen Führungskraft erzählen, wie der Mitarbeiter in der beruflichen Praxis abgeschnitten hat.

Und: Rückfragen stelle ich direkt im Gespräch. So kann ich mir anschließend ein rundes Bild vom Bewerber machen. Und wenn wir uns weiterhin am (De-)Codieren versuchen wollen, dann sollte der Gesetzgeber ein für alle verbindliches Nachschlagewerk veröffentlichen:

Zeugnis – Deutsch; Deutsch – Zeugnis.

Über unseren Kollegen Thomas Schombara

Thomas Schombara studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule Augsburg und schloss anschließend seinen Master in Personalmanagement an der Hochschule München ab.
Während seines Studiums beschäftigte er sich in seinen Abschlussarbeiten bereits mit HR Themen wie der Familienfreundlichkeit im Unternehmen und der Relevanz von Arbeitszeugnissen.thsc foto

Von 2014 bis 2015 war er bei Siemens in München als Personalbetreuer beschäftigt, bei der auch unter anderem die Erstellung von Arbeitszeugnissen Teil seiner täglichen Arbeit war.
Mitte 2015 wechselte er dann zu Hays in den Bereich Arbeitnehmerüberlassung und betreut seitdem als Account Manager Automobilkunden in München.

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