Kein Tag vergeht, ohne dass gefühlt hunderte von neuen Artikeln zum Thema „Arbeitswelt und Führung nach Corona“ erscheinen. Auch Hays hat dazu neulich eine Studie in Zusammenarbeit mit dem Rheingold Institut veröffentlicht. Es fallen Stichworte wie New Leadership, Remote Work, New Work etc. Dabei macht jeder seine eigenen Beobachtungen. Im Podcast mit Prof. Dr. Nico Rose und Florian Wagner wollen wir die Perspektive aus organisationspsychologischer und Personalplanungssicht beleuchten.

Das Interview führte Marina Zayats, Beraterin für Unternehmenskommunikation und Digital Personal Branding.

Marina Zayats: Was hat sich aus eurer Sicht wirklich signifikant verändert in den letzten Monaten und wie erlebt ihr diese Zeit?

Florian Wagner: Ich finde es spannend, dass viele Menschen über die Arbeitswelt nach Corona sprechen, obwohl wir noch mittendrin sind. Ich persönlich merke es nicht nur am deutlich kürzeren Weg ins Büro, sondern auch an meiner Rolle als Führungskraft. Es ist schwieriger zu führen, wenn die Mitarbeiter nicht physisch vor Ort sind. Zu wissen, wie es ihnen wirklich geht und was sie gerade umtreibt, verlangt mehr Kommunikation meinerseits als vorher.

Zudem fehlt der zufällige Kontakt. Wir haben zwar das virtuelle Feierabendbier und virtuelle Kaffeepausen. Aber das ist nun immer geplant. Die Spontanität von neuen Ideen geht verloren. Da hilft es auch nicht, nur neue Tools für die Zusammenarbeit einzuführen. Es ist kein reines IT-Thema. Wir müssen auch wissen, wie wir mit den Tools richtig umgehen.

Prof. Dr. Nico Rose: An der Hochschule, an der ich tätig bin, haben wir uns einmal geschüttelt und innerhalb von zwei Wochen alle Lehrer zum Thema Zoom geschult. Das hat gut geklappt. Soweit der technische Aspekt.

Andererseits habe ich für mich nach kurzer Zeit eine Zoom-Müdigkeit festgestellt. Die vielen Online-Veranstaltungen schlauchen auf eine andere Art und Weise. Der menschliche Kontakt fehlt mir und das erleben gerade auch viele andere. Da werden sich noch viele Firmen wundern, die nun ausrufen, komplett auf remote umstellen zu wollen.

Marina Zayats: Das hört sich danach an, als ob es keine Oder-, sondern eine Und-Lösung geben wird: ein Hybrid aus Remote Office und Büro?

Prof. Dr. Nico Rose: Es wundert mich, dass viele Firmen gerade den gleichen Fehler machen wie vorher, nur unter umgekehrtem Vorzeichen! Vorher hieß es: Alle ins Büro. Jetzt heißt es: Alle ins Home Office. Und die Firmen schreiben sich dann New Work auf die Fahne. Doch New Work hat für mich sehr viel mit Wahlfreiheit zu tun, nicht mit Zwang.

Ich denke, am Ende wird es auf solche Hybridlösungen hinauslaufen. Der entscheidende Punkt ist dabei, selbst entscheiden zu dürfen.

Marina Zayats: Nico, durch deine Psychologenbrille gesehen: Was ist da eigentlich genau mit uns passiert? Stichworte wie Einsamkeit und Müdigkeit fielen ja schon.

Prof. Dr. Nico Rose: Hier müssen wir etwas aufpassen, weil ich ja auch selbst mittendrin stecke. Aber ich kann auch an mir den Ablauf von verschieden Phasen beobachten. Ich habe selbst am Anfang gedacht: Ist doch nur eine Grippe. Und: Das kriegen wir schnell in den Griff. Dann habe ich aber schnell begriffen, dass es doch ernster ist. Meine Familie und ich waren mit die ersten, die eine Maske getragen haben. Wir haben erkannt, dass es eine neue Krise ist, die größte seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Angela Merkel in ihrer Ansprache gesagt hat. Das kennen junge Menschen gar nicht, somit gab es zunächst eine große verstörende Wirkung bzw. eine Aneinanderreihung von verstörenden Momenten, die sich durch fast alle Lebensbereiche ziehen. Sei es im Beruf oder im alltäglichen Leben.

Ich halte Vorträge und biete Coachings an und innerhalb von wenigen Tagen ist die Nachfrage eingebrochen. Auch für mich ein Schock. Andererseits sieht man, wie schnell wir als Menschen anpassungsfähig sind. Das finde ich bewundernswert. Es geht zwar noch nicht genauso gut wie vorher, aber wir tun Vieles dafür, dass es wieder gut weitergeht. Wobei ich auch aus einer privilegierten Situation spreche.

Florian Wagner: Ich finde es auch erstaunlich, wie flexibel Konzerne auf einmal sind, die per se als langsam gelten, und wie viele Ideen auf einmal kommen, wie man auf die veränderte Marktsituation reagieren kann.

Prof. Dr. Nico Rose: Gleichzeitig ist das auch ein großes volkswirtschaftliches Glücksspiel, je nachdem, wo genau staatliche Hilfen gewährt werden.

Marina Zayats: Florian, du und dein Team, ihr vermittelt selbstständige Experten. Wie hat sich da die Situation entwickelt?

Florian Wagner: Ein ganzer Schwung an sehr guten Leuten hat auf einmal angerufen, die normalerweise nur im Glücksfall nicht bei Projekten sind. Erst seit Juni merkt man, dass sie wieder leichter Projekte finden. Die Unternehmen fangen also vorsichtig wieder an zu planen. Wir haben somit das erste Mal seit der Finanzkrise keinen Kandidatenmarkt mehr. Es gibt natürlich Fähigkeiten, die auch in der Krise stark nachgefragt werden, wie z. B. die des Payroll-Experten, doch generell kriegen viele Unternehmen aktuell gute Kandidaten, auch ohne ein Big Player zu sein.

Das ist eine tolle Möglichkeit, in Talente zu investieren!

Marina Zayats: Für viele Unternehmen dürfte das aktuell keine einfache Balance sein: einerseits jetzt investieren in Talente und andererseits stabile Cashflow-Planung. Wie können Unternehmen diese Balance hinkriegen?

Florian Wagner: Ich rate unseren Kunden, strategisch wichtige Positionen zu besetzen und auch mal das Risiko einzugehen, denn diese Verfügbarkeit von Top-Experten ist nur ein temporäres Phänomen. Der Fachkräftemangel wird weiterhin bestehen.

Was ich ebenfalls rate, ist, ausführlich mit Bewerbern zu sprechen. Die Bereitschaft, jetzt in eine Festanstellung zu gehen, ist niedrig, da niemand in unsicheren Zeiten auch noch die Probezeit möchte.

Zudem ist es wichtig sich die Projektagenda anzuschauen. Welche Themen werden jetzt und welche nach Corona wichtig? Das sind oftmals ganz andere Themen, als man sie am Anfang des Jahres noch skizziert hatte. Planungszyklen müssen kürzer werden.

Ein solches Thema ist Onboarding. Viele haben das völlig depriorisiert während des Einstellungsstopps, doch es ist wichtig, sich jetzt schon damit zu beschäftigen, denn das Onboarding muss natürlich neu gedacht werden – während und nach Corona. Ein weiteres Thema ist gutes Trennungsmanagement. Das wird definitiv verstärkt kommen in den nächsten Monaten und hier lohnt es sich, guten Rat und Hilfe zu holen. Trennungsmanagement kann man richtig schlecht machen, was einem Unternehmen Jahre nachhängen kann.

Und letztlich rate ich dazu, getroffene Entscheidungen auch wieder mutig neu zu treffen. Das ist keine Schwäche, sondern eher eine Position der Stärke, denn wir fahren alle nur auf Sicht.

Marina Zayats: Nico, was rätst du Unternehmen in dieser besonderen Situation?

Prof. Dr. Nico Rose: Ich bin da bei Florian. Unternehmen lieben Stabilität und lange Planungszyklen. Aber alles durchzustrukturieren geht nun mal nicht. Es ging auch schon früher nicht, man hat nur so getan, als ob es ginge. Lasst die Mitarbeiter lieber eigene Ideen einbringen und vergesst nicht, wie wichtig der persönliche Austausch ist. Ein Unternehmen existiert ist ja nicht nur auf Papier, sondern ist vor allem eine informelle Struktur. Das kann man virtuell nachbilden, aber dann ist es geplant und reglementiert. Unternehmen leben von ungeplanten Begegnungen. Diesen Raum, unter Einhaltung aller gesundheitlichen Vorkehrungen, gilt es, wieder herzustellen.

 

Zu Prof. Dr. Nico Rose:

Nico Rose ist seit 2019 Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management (ISM) in Dortmund. Von 2011 bis 2018 arbeitete er im Stab des Personalvorstands der Bertelsmann-Gruppe, zuletzt als Vice President für das gruppenweite Employer und High-Potential Recruiting. Laut der Publikation Harvard Business Manager ist Nico Rose einer der „führenden Experten für positive Psychologie in Deutschland“. Das Personal Magazin zählte ihn 2018 zu den 25 „Top-HR-Influencern“ im deutschsprachigen Raum.

 

Zu Florian Wagner:

Florian Wagner startete 2011 bei Hays und war in den darauffolgenden Jahren erst operativ, später als Führungskraft für Aufbau von Teams und Strukturen im Bereich Finance an mehreren Standorten verantwortlich. Seit April 2020 ist er Teil des neuen Hays-Geschäftsbereichs Human Resources. Sein Ziel ist es, die HR-Abteilungen unserer Kunden dafür zu begeistern, dass sie mit unseren Experten, ob in Festanstellung, auf Projektbasis oder durch den temporären Einsatz unserer Mitarbeiter über die Arbeitnehmerüberlassung ihre Themen und Visionen besser umgesetzt bekommen.

 

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