Die digitale Revolution zu Besuch bei Andrea Nahles

15, März, 2016 Markus Härlin 0 Kommentare
© Sergey Nivens - Fotolia.com
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Aktuell deutet viel darauf hin, dass wir erneut am Anfang einer industriellen Revolution stehen. Nach der Dampfmaschine, dem Fließband und den Industrierobotern geht es jetzt um die Digitalisierung von kompletten Arbeitsprozessen und deren digitaler Vernetzung.Dieser epochale Umbruch wird gravierende Folgen für den Arbeitsmarkt, wie wir ihn kennen, haben.

Auch die deutsche Mittelschicht wird ihn zu spüren bekommen. Die Herausforderungen gehen aber in der aktuellen arbeitsmarktpolitischen Diskussion, die sich gefühlt nur um die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt und die Regulierung von Zeit- und Werkverträgen dreht, vollkommen unter.

Digitale Revolution

Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass die „Digitale Revolution“ das White-Collar-Segment des Arbeitsmarktes mit voller Wucht treffen wird. Im Klartext: Nicht nur ungelernte Beschäftigte werden unter die Räder des Fortschritts geraten, sondern auch zahlreiche, bisher gut bezahlte Büroarbeiter sind in höchster Gefahr. Einst machte die Dampfmaschine menschliche Muskelkraft in weiten Teilen überflüssig. Heute können Bits, Bytes und Algorithmen viele Tätigkeiten deutlich schneller und besser erledigen als die allzu menschlichen Angestellten in den Büros.

Um wie viele Jobs es sich dabei handelt, ist vollkommen unklar, hier schwanken die Zahlen extrem. Jüngste Schätzungen des Weltwirtschaftsforums in Davos rechnen mit dem Verlust von 5 Millionen Jobs in den Industrieländern allein bis 2020.

Dem gegenüber stehen lediglich 2 Millionen neue Jobs, die im selben Zeitraum geschaffen werden. Primär in der IT, aber auch in der Nanotechnik, in der Produktionsplanung und -steuerung („Industrie 4.0“) oder der Biotechnologie.

Digitaler Arbeitsmarkt

Vereinfacht lässt sich sagen, dass alle Jobs, die einen hohen Anteil an Routinen und Standards haben, von der Digitalisierung mittel- bis langfristig bedroht sind. Dabei ist es egal, ob es sich um manuelle oder geistige Aufgaben handelt: Alle Routineabläufe kann der Computer heute meistens besser erledigen. In den Handelssälen der Börsen kann man bereits sehen, was das bedeutet.

Aber auch Banken erleben derzeit durch CRM-Software und die Vernetzung interner Prozesse einen nie gekannten Branchenumbruch. Branchenübergreifend höre ich von Kunden und Beratern von Software, die selbstständig lektoriert, recherchiert oder in der Lage ist, juristisch komplexe Verträge zu erstellen. Wie diese Technologien auf die in digitaler Hinsicht rückständige öffentliche Verwaltung durchschlagen, wage ich mir gar nicht erst auszumalen.

Während die Digitale Revolution bei Routineaufgaben den Menschen komplett ersetzen könnte, kann sie dafür bei kreativen oder komplexen Problemen stark unterstützen. Ein schönes Beispiel geben die aktuellen Produktpräsentationen des neuen IBM Rechners „Watson“ ab.

Hier wird zum Beispiel glaubhaft dargestellt, wie zukünftig Ärzte Symptome und Krankheitsbilder in den Computer eingeben, und dadurch sehr präzise Diagnosen und Behandlungsmethoden erhalten können. Oder stellen Sie sich bitte eine digitale Sekretärin vor: Apples „Siri“ in Kombination mit der Ihnen bereits von Amazon bekannten Avatar-Technologie führt direkt dorthin.

Innovation als Geschäftsmodell

Überspitzt gesagt scheint es, dass es zukünftig nur noch drei Kategorien von Menschen geben wird: die, die dem Computer sagen, was zu tun ist; die, denen der Computer sagt, was zu tun ist; und der ganze abgehängte Rest.

Verstärkt durch den immer härteren globalen Wettbewerb und vor dem Hintergrund der Migration Hunderttausender Flüchtlinge stehen unserem Arbeitsmarkt, wie bei Industrie 1.0 – 3.0 vermutlich enorme Spannungen ins Haus. Umso wichtiger ist es, dass wir arbeitsmarktpolitisch die richtigen, oder zumindest nicht die vollkommen falschen Entscheidungen treffen.

Die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt in Deutschland werden zukünftig mehr denn je auf Innovationen angewiesen sein. Die Wirtschaft, weil wir immer schneller immer innovativere Produkte und Lösungen für den Weltmarkt produzieren müssen.

Der Arbeitsmarkt, weil die benötigten Innovationen aus komplexen sozialen Prozessen heraus entstehen, bei denen die neuen digitalen Werkzeuge die Jobs nicht bedrohen, sondern kräftig unterstützen. Wo standardisierte Jobs durch Technologie ersetzt werden, sollten wir uns noch stärker auf unseren Erfindungsgeist und unsere Innovationsfähigkeit besinnen.

Innovationen entstehen, wenn „Mixed Teams“ mit unterschiedlichen Kompetenzen in Projekten zusammenarbeiten. Meist sind das sowohl interne Spezialisten als auch externe Experten.

Eine politische Förderung dieser Innovationsfähigkeit (zu der im Übrigen auch die gesamte Gründerszene gehört) bedeutet zuerst, sie behördlich nicht über Gebühr zu behindern. Projekte erfordern meist zwingend eine inhaltliche und räumliche Nähe der Projektmitglieder zueinander. Und an dieser Tatsache kollidieren genau heute die Herausforderungen der Zukunft mit dem Arbeits- und Sozialrecht des letzten Jahrhunderts.

Hier werden dem Wind des Wandels Mauern entgegengesetzt, wo wir doch Windmühlen bauen sollten. Vor diesem Hintergrund sind die derzeitigen Initiativen meiner Branche, Expertenarbeit zu retten, nicht nur Arbeitsmarktpolitik, sondern dringend benötigte Wirtschafts- Innovations- und Zukunftspolitik!

 

Markus Härlin
Über Markus Härlin
Bereichsleiter Strategic Customer Management
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