Die Bewerbung als Lotterie?

02, Februar, 2016 Maria Holschuh 2 Kommentare
© ra2 studio – Fotolia.com
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Die Motivation für einen Jobwechsel kann sehr unterschiedlich ausfallen – von „latent wechselwillig“ bis hin zu „den eigenen Marktwert überprüfen“. In meinem Fall war es wohl eine Mischung aus beidem, als ich Ende letzten Jahres auf der Suche nach einer neuen Wirkungsstätte war. Da mein letztes Bewerbungsgespräch bereits etwas länger zurücklag, ging ich mit großem Respekt an die Sache heran und erlebte im Arbeitgeber-Dschungel aus Start-ups, KMUs und DAX-30-Konzernen Erstaunliches.

Bewerbermanagement als digitale Herausforderung – je schneller, desto besser?

Die größten Mängel im heutigen Bewerbungsprozess sind meines Erachtens Transparenz und Schnelligkeit. Getreu dem Motto „je kleiner, desto schneller“ ging ich wie selbstverständlich davon aus, dass Start-ups oder kleinere Mittelständler den Bewerbungseingang wohl schneller bewerkstelligen könnten als Konzerne. Weit gefehlt!

Denn letztlich orientiert sich das Tempo der Bearbeitung der Bewerbung primär an der IT-Landschaft eines Unternehmens. Größere Unternehmen haben hier anscheinend die Nase vorn – sollten sie auch, bedenkt man doch alleine die tägliche Anzahl der eingesendeten Bewerbungen.

Doch ist eine vollständige Automatisierung des Bewerbungsprozesses ein Segen? Wohl eher ein Fluch, denn „Netzwerküberschreitungen“ oder andere technische Probleme erschweren den Kontakt zum Unternehmen. Überwand ich meine Scham und hakte höflich bei dem Wunschunternehmen nach, ob ich die Bewerbungsunterlagen aufgrund technischer Probleme nicht auch per E-Mail zusenden dürfte, wurde mir schnell die Chance für eine Bewerbung verwehrt, indem auf einen „automatisierten Standardprozess“ hingewiesen wurde.

Bewerbungsgespräche sind keine Einbahnstraße

In Bewerbungsgesprächen bei kleineren Unternehmen war die Betreuung persönlicher, oftmals jedoch auch widersprüchlich, indem nicht selten interne Machtkämpfe im Bewerbungsgespräch ausgetragen wurden. Professionelles Verhalten? Fehlanzeige!

Auch bei den Global Players konnte ich kollegialen Charme nur selten vorfinden – zerknitterte CVs, unvorbereitete Gesprächsteilnehmer und ein Desinteresse am Bewerber. Wie soll ich als Kandidat vor Inspiration, Leidenschaft und Motivation nur so sprühen, wenn mein Gesprächspartner nicht einmal meinen Namen kannte und während des Gesprächs gelangweilt auf dem Handy tippte?

Vielleicht war es ein Stressinterview – vielleicht sind die Unternehmen aber auch selbst mehr in der Bringschuld, als sie denken. Ein nach 08/15-Standardmustern ablaufendes Bewerbungsgespräch ist verschwendete Lebenszeit und lässt Bewerber zum Wettbewerb oder ins Ausland abwandern.

Die Persönlichkeit als USP: auf Bewerber- und Unternehmensseite

Stimmten Professionalität und Chemie im Gespräch, musste ich letztlich subtil noch herausstechen, warum ich die Bestbesetzung für die offene Position war. Hier sind es zwei Charakteristika, die neben dem Schicksal entscheiden: Authentizität und Persönlichkeit. Ich mit meinem fachlichen und kulturellen Repertoire – mit Stärken und Schwächen 1.0 – als Idealbesetzung. Nicht ein Datenstrom oder ein Quellcode aus kryptischen Zahlen- und Buchstabenabfolgen.

Aus der Fülle von Daten den geeigneten neuen Kollegen zu finden ist freilich eine Herausforderung. Aber der Aufwand eines strukturierten und geplanten Bewerbungsprozesses lohnt sich, kann ein einzelner motivierter und serviceorientierter Mitarbeiter doch stark wie Goliath sein und dem Unternehmen signifikante Umsatzsteigerungen einbringen. Am Ende gehört jedoch für beide Seiten auch immer noch ein Quäntchen Sympathie und Glück dazu. Wie in der Lotterie eben auch.

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2 Kommentare

  1. Stefan Hötzinger

    Guten Tag Fr. Holschuh

    ja ich kann ihre Erfahrungen z.Z. sehr gut Nachempfinden – stecke gerade in der selben Situation.
    Was ich perönlich als sehr irritierend empfinde:
    „unkonventionelles Unternehmen (selbstdefinition)“ sucht außergwöhnliche Menschen mit „automatisiertem Standardprozess“
    widerspricht sich doch ein wenig, oder?

    Antworten
    1. Maria Holschuh

      Sehr geehrter Herr Hötzinger,

      Vielen Dank für Ihre Nachricht und für Ihre Schilderung. Je nach Unternehmensgröße und der Vielzahl an Bewerbungseingängen ist der Inbound natürlich nicht mehr manuell zu bewerkstelligen. Ich stimme Ihnen jedoch voll und ganz zu, dass sich der „außergewöhnliche Mensch“ oder die „herausragende Persönlichkeit“ nicht individuell betreut und wertgeschätzt fühlen, wenn diese während des gesamten Bewerbungsprozesses nicht einmal mit einen persönlichen Ansprechpartner in Kontakt stehen, sondern die gesamte Kommunikation über „jobs@XY.de-Adressen“ verläuft.

      In Hinblick auf das Stichwort „War of Talents“ und „Deutschlands beste Arbeitgeber“ haben viele Unternehmen diesbezüglich einen hohen Optimierungsbedarf.

      Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Glück.

      Beste Grüße

      Maria Holschuh

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